Isabella liegt im Bett, schaut auf ihr Handy. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt 22:30 Uhr.

„¿Te gusta caminar?“ – Wenn jemand nach deinem Leben fragt

13.Juni 2025

Freitag, 22:30 Uhr, Bett, bin müde (Bettdecke bis zum Kinn, Handy auf dem Bauch, Bildschirm zu hell für meine Augen)

Die Woche war einfach nur anstrengend. Telefonate ohne Ende, immer alles sofort, immer „Isabella, kannst du mal schnell?“, immer „dringend“. Hab mich gefühlt wie so’n Hamster im Rad, nur dass das Rad aus Excel und Frau Meiers E-Mails besteht. Freitagabend und ich bin platt. Hab mir nicht mal was Richtiges gekocht, nur ’nen Joghurt mit Müsli reingelöffelt und bin direkt ins Bett gekrochen.

In der Mittagspause hat Matthias sich in der Kantine zu mir gesetzt. Einfach so, mit seinem Tablett und diesem Blick, als wär’s Zufall. „Darf ich?“ hat er gefragt, obwohl der Stuhl schon halb rausgezogen war. Hab nur genickt, weil ich grad fertig war. Hab schnell den letzten Bissen runtergewürgt, „muss noch was kopieren“ genuschelt und bin abgehauen. Fühlte sich fies an, aber ich konnte nicht. Nicht heute. Nicht nach all dem Gequatsche den ganzen Tag. Er hat nix gesagt, nur kurz genickt. Vielleicht hat er’s kapiert. Vielleicht auch nicht.

Anna war wieder am Fenster, als ich heimkam. Licht an, sie stand da mit ’nem Glas in der Hand – Wein oder Saft oder was weiß ich – und hat mir zugeprostet. Richtig so, mit erhobenem Glas und ’nem kleinen Lächeln. Hab zurückgewunken und auch so getan, als hätte ich was zu trinken (war nur mein Wasserglas). Hat sich trotzdem gut angefühlt. Als ob da jemand ist, der sagt: „Hey, du hast’s durch die Woche geschafft.“ Ohne Worte. Nur das Glas und das Winken.

Und dann hat Sergio geschrieben. Richtig geschrieben. Nicht nur geliked oder drei Wörter. Er hat mir von seinem Großvater erzählt, von seiner Mutter, die da geboren wurde, von den Ruinen und dem alten Turm. Und dass er manchmal denkt, es wär schön, dem Ganzen wieder Leben einzuhauchen. Und dann fragt er mich: ¿Te gusta caminar? Ob ich gern wandere. Die Landschaft da sei unglaublich.

Wandern? Ich? Auf die Idee wär ich im Leben nicht gekommen. Ich lauf ja schon zur Bushaltestelle, als wär’s Marathon. Meine größte Wanderung war letztes Jahr mit Sandra und Kevin zum Kirmesplatz in Schalke, und selbst da hab ich nach fünf Minuten geheult, dass meine Füße wehtun. Und jetzt sitzt da dieser Typ in Aragon, mit Wanderstiefeln und Sonnenbrille, und fragt mich, ob ich gern durch Berge stapfe.

Was antworte ich ihm bloß? „Nein, ich wandere nicht, ich versink nur im Sofa“? Oder „Ja, total, ich liebe Natur… in Dokumentationen“? Oder einfach die Wahrheit: „Ich hab noch nie richtig gewandert, aber die Idee klingt schön“? Ich weiß nicht. Alles klingt blöd. Alles klingt, als würd ich versuchen, jemand zu sein, der ich nicht bin.

Hab den Chat offen gelassen. Handy liegt jetzt neben mir und leuchtet immer noch. Vielleicht schreib ich morgen. Oder übermorgen. Oder gar nicht. Aber er hat gefragt. Nach mir. Nach meinem Leben. Auch wenn’s nur ’ne Frage ist.

Müde. Augen brennen. Mach das Licht aus.

Isabella

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