Meine Couch, meine Träume: Alltag zwischen Realität und Wunschdenken
26. November 2024
Dienstag, 21:45 Uhr, immer noch dasselbe Bett mit der durchgelegenen Matratze
Hab letzte Nacht geträumt, weiß nicht mehr was genau. Nur, dass er nicht mein Typ war. Ein Macho mit Goldkette und zu engem Hemd, der mich von oben bis unten gemustert hat und dann gesagt hat: „Na Süße, immer noch auf der Couch rumhängen?“ Ich bin aufgewacht und hab erst gedacht, Sebastian steht neben dem Bett. Aber es war nur der Schatten vom Kleiderschrank.
Danach konnte ich nicht mehr einschlafen. Hab auf Instagram gescrollt, wie immer. Londoner Loftwohnungen, skandinavische Einrichtung, Mädchen mit perfekten French Nails, die in Cafés sitzen und Matcha Latte trinken. Alles so clean, so teuer, so weit weg. Ein Sofa für 3500 € – wer bezahlt denn bitte so viel für ein Stück Stoff und Holz? Ich hab mein eigenes Sofa angeguckt, das mit dem braunen Fleck von der Currywurst vor zwei Jahren. Hab drüber gestrichen und gedacht: Das ist meins. Das passt zu mir.
Auf der Arbeit war… okay. Kein Drama, keine Standpauke von Frau Meier. Aber in der Mittagspause hat sie die neuen Bonuszahlen rumgereicht. Alle haben gekriegt außer mir und der Neuen aus der Buchhaltung, die erst seit drei Monaten da ist. Die anderen haben sich gefreut, Selfies mit dem Ausdruck gemacht, „Bonus-Baby 2026“ in die Kamera gehalten. Ich hab nur genickt und gesagt „Herzlichen Glückwunsch“. In Wirklichkeit hab ich mich gefühlt wie der letzte Rest Suppe, den keiner mehr will.
Sebastian hatte recht.
Ich kann nix gescheit.
Nicht mal genug, um wenigstens durchschnittlich zu sein.
Ich hab den ganzen Nachmittag nur dagesessen und Zahlen in Excel getippt, die eh keiner liest. Und dabei hab ich mir vorgestellt, wie er jetzt in irgendeinem schicken Meeting sitzt, PowerPoint-Präsentationen mit fancy Animationen zeigt und alle nicken und sagen „Genial, Seb“. Während ich hier sitze und überlege, ob ich mir zur Belohnung fürs Überleben des Tages einen Döner hole oder doch nur die TK-Pizza.
Hab den VHS-Flyer heute wieder rausgeholt.
Liegt jetzt auf dem Nachttisch, neben dem Handy und der Packung Temesta, die ich vor drei Monaten vom Arzt gekriegt hab und nie genommen habe.
„Abitur nachholen – jetzt starten!“
Darunter so ein Foto von einer Frau, die ungefähr so alt aussieht wie ich, aber sie lächelt und hält ein Zeugnis hoch. Als ob das so einfach wäre. Als ob man einfach mal eben beschließt, nicht mehr scheiße zu sein, und dann wird man’s.
Ich hab den Flyer nicht weggeworfen.
Aber angerufen hab ich auch nicht.
Stattdessen hab ich mir die neue Jeans angezogen.
Sitzt eigentlich ganz okay.
Hab mich im Flurspiegel angeguckt und gedacht: Na ja. Geht doch.
Dann hab ich sie wieder ausgezogen, weil ich ja nirgendwo hingehe.
Morgen ist Mittwoch. Wochenteiler.
Noch zweieinhalb Tage, dann Wochenende.
Vielleicht geh ich mal spazieren.
Oder ich bleib liegen und scrolle weiter durch Leben, die nicht meins sind.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist:
dass Sebastian weg ist,
oder dass ich immer noch dieselbe bin wie vorher.
Isabella
