Harold Fry
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry
Manche Bücher findet man nicht – sie finden einen.
Bei mir war es genau so mit „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce. Ein Chatbot hatte es mir empfohlen, und weil mir das Thema Pilgern ohnehin im Blut liegt, war es schnell meine Abendlektüre.
Harold Fry führt ein sehr gewöhnliches, fast schon vorhersehbares Leben in England. Eines ganz normalen Tages erreicht ihn ein Brief von einer ehemaligen Kollegin, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie schreibt ihm, dass sie todkrank ist und in einem Hospiz liegt.
Harold setzt sich hin, schreibt eine höfliche Antwort, steckt den Brief in den Umschlag und macht sich auf den Weg zum Briefkasten.
Doch statt den Brief einzuwerfen, geht er einfach weiter. Und weiter. Und weiter.
So beginnt eine über 600 Kilometer lange Wanderung quer durch England – ohne richtige Ausrüstung, ohne Plan, nur mit Turnschuhen und der festen Überzeugung, dass Queenie noch am Leben sein wird, wenn er bei ihr ankommt.
Während Harold läuft, beginnt er, sein ganzes Leben zu betrachten: die Fehler, die unausgesprochenen Worte, die stille Entfremdung in seiner Ehe, die verlorenen Jahre. Jeder Schritt wird zu einer stillen Konfrontation mit sich selbst und zu einer Suche nach Vergebung – für andere und vor allem für sich selbst.
Rachel Joyce erzählt diese Geschichte mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Unter der ruhigen, fast unspektakulären Oberfläche liegt eine tief berührende, kluge und sehr menschliche Erzählung über Schuld, Liebe, Hoffnung und die Frage, was ein Leben eigentlich lebenswert macht.
Wer eine Geschichte sucht, die leise, aber nachhaltig unter die Haut geht, wird hier reich beschenkt.
Ich kann das Buch von Herzen empfehlen – besonders allen, die selbst schon einmal gespürt haben, wie ein langer Weg etwas in einem verändert.


