Isabella versucht den Curryfleck von ihrem Sofa zu entfernen.

Der Fleck ist immer noch da

13.Mai 2025

Dienstag, 21:38 Uhr, Sofa, versuch grad den Curryfleck mit Spüli und ’nem alten Lappen abzuschrubben (der Fleck lacht mich aus, wird nur heller, geht aber nicht weg)

War heute nicht zum Zumba. Hab die Leggings schon angehabt, die Schuhe in der Tasche, und dann stand ich im Flur und hab mich einfach nicht bewegen können. Als wär der Boden plötzlich aus Beton. Hab die Tasche wieder hingestellt und bin umgedreht. Fühlt sich falsch an. Als ob ich mich selbst bestrafen müsste, weil ich tanze, während Papa irgendwo in ’nem Kühlfach liegt und wartet, dass ihn jemand abholt. Oder vielleicht wartet er gar nicht. Vielleicht ist er schon weg. Keine Ahnung.

Hab vorhin gegoogelt: „Krematorium Gelsenkirchen“. Gibt eins in Buer, glaub ich. Oder war’s in Essen? Die Ergebnisse verschwimmen alle, wenn man so lange starrt. Jedenfalls muss er nicht weit. Aber ich weiß trotzdem nicht, wo die Urne dann landet. Auf welchem Friedhof. Ob’s ’ne anonyme Beisetzung wird oder ob irgendwer ’nen kleinen Stein hinstellt. Das Ordnungsamt hat mir nur gesagt, dass sie sich melden, wenn’s erledigt ist. Kein Datum, keine Einladung, nix. Nur „Sie werden informiert, auf welchem Friedhof die Beisetzung erfolgt“. Als wär’s ’ne Paketlieferung.

Darf man so sein? So egoistisch? Als Tochter? Die meisten würden hingehen, oder? Würden Blumen mitnehmen, vielleicht ’nen Spruch aufsagen, heulen, sich verabschieden. Ich sitz hier und schrubb an ’nem Fleck rum, der älter ist als die ganze Scheiße mit Papa. Hab nicht mal ’ne Kerze angezündet. Hab nicht mal seinen Namen laut ausgesprochen seit dem Anruf. Vielleicht bin ich einfach kaputt. Oder vielleicht war er schon so lange weg, dass der Abschied schon vor Jahren passiert ist, und ich hab’s nur nicht gemerkt.

Sandra hat mich heute im Büro angeguckt und gesagt: „Mädel, du hast abgenommen. Und du bist so blass, geh mal raus an die Sonne.“ Hab nur gelacht, so’n kurzes, bitteres Lachen, und geantwortet: „Ja, Sandra, mein Vater ist gestorben. Da wird man blass.“ Sie hat sofort den Mund zugeklappt, hat mich umarmt und „sorry“ gemurmelt. Danach hat sie mir ’nen Kaffee hingestellt, ohne zu fragen. War nett. Aber ich hab ihn nicht getrunken. Zu bitter.

Heute Abend nur ’n Butterbrot. Dünn bestrichen, weil die Butter fast alle war. Hab’s runtergewürgt, weil der Magen sonst rumort hat. Danach hab ich den Lappen genommen und mich auf den Fleck gestürzt. Als ob der weg wäre, wär alles andere auch leichter.

Der Fleck ist immer noch da. Genau wie der Rest.

Morgen wieder Arbeit. Vielleicht geh ich nächste Woche wieder zum Zumba. Vielleicht auch nicht. Mal sehen.

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