Warum eigentlich nicht mal was Schönes?
1. Juni 2025
Sonntag, 15:50 Uhr, Küche, Tisch mit neuer Tischdecke (weiß, Leinen, Hohlsaum – hab sie im Angebot bei H&M Home mitgenommen, 12,99 €, fühlt sich an wie gestohlen)
Hab die Tischdecke gestern gekauft, weil ich beim Vorbeigehen im Schaufenster stand und plötzlich dachte: Warum eigentlich nicht mal was Schönes? Sie liegt jetzt da und macht die ganze Küche heller. Der alte Tisch mit den Kratzern und dem Kaffee-Ring, der nie mehr weggeht, sieht darunter fast wie neu aus. Aber gleichzeitig falsch. Zu sauber. Zu ordentlich. Als ob ich so tu, als wär hier alles in Ordnung, während der Kühlschrank immer noch brummt wie ’n alter Traktor und der Herd nur drei Platten hat. Hab schon zweimal drübergestrichen, als wär sie aus Seide. Vielleicht nehm ich sie wieder ab. Oder ich lass sie drin. Mal sehen.
Gestern auf der Arbeit hat Matthias wieder versucht, mit mir zu quatschen. Stand einfach an meinem Schreibtisch, mit so ’nem Kaffeebecher in der Hand (seinem eigenen, nicht für mich), und hat gefragt: „Na, Wochenende schon geplant?“ Hab nur „nicht wirklich“ gesagt und weitergetippt. Er hat noch ’n bisschen rumgedruckst, was von ’nem neuen Café in der Stadt erzählt, das super Croissants hat, und ob ich Lust hätte, mal mitzugehen. Hab „mal sehen“ gemurmelt und bin auf die Toilette geflüchtet. Nicht weil er nervt. Sondern weil ich einfach keine Lust auf Smalltalk hab. Keine Lust, so zu tun, als wär alles easy. Er meint’s nett, das merk ich. Aber nett reicht mir grad nicht.
Als ich heimkam, stand die Frau gegenüber am Fenster. Licht an, Gardine zur Seite. Hab instinktiv gewunken – mittlerweile mach ich das automatisch. Und sie hat gelacht. Richtig gelacht, mit offenem Mund, und dann zurückgewunken, als wär’s das Normalste der Welt. Danach hat sie angefangen, ihre Scheibe zu putzen. Mit Zeitung und irgendwas Sprühbarem. Die Scheibe glänzt jetzt richtig, man sieht fast bis in ihre Wohnung rein. Hab kurz gedacht: Die hat’s drauf. Die macht einfach. Vielleicht sollte ich das auch mal machen. Mein Fenster ist so dreckig, dass man kaum noch durchgucken kann. Aber heute ist Sonntag. Da putzt man nicht. Da geht man spazieren.
Hab mir grad die Sneaker angezogen, die leichte Jacke, Handy in die Tasche. Kein Ziel, einfach raus. Vielleicht am Rhein-Herne-Kanal lang, vielleicht durch den Stadtgarten. Vielleicht kauf ich mir unterwegs ’n Eis. Oder ich setz mich einfach auf ’ne Bank und guck Leuten zu, die ihr Leben haben. Kleine Schritte. Immerhin.
Die Tischdecke bleibt erst mal drauf. Sieht ja wirklich gut aus.
Isabella
