Der Spanier

5. Januar 2025

Sonntag, 20:15 Uhr, Sofa, das alte Ding

Wollte eigentlich eine Serie bingen, so richtig abtauchen und vergessen, dass Montag wieder kommt. Aber Netflix ist ja weg. 15 Euro gespart, hurra. Also nur YouTube und Instagram, wie immer, wenn nichts anderes da ist. Hab mir Tee gemacht, den guten aus der Dose, die Mama mir mal geschenkt hat, mit Zitrone und Honig. Der riecht nach Weihnachten, obwohl Weihnachten vorbei ist.

Dann bin ich wieder bei ihm gelandet. Der Spanier. Heute hat er ein Foto von Weihnachten gepostet – oder vielleicht hat er’s nur jetzt hochgeladen. Er sitzt an einem langen Tisch, Kerzenlicht, Tannenzweige, alles so perfekt arrangiert, dass es fast künstlich wirkt. Neben ihm sein Bruder, eine hübsche Frau (dunkle Locken, rotes Kleid, lächelt wie aus einem Film), und ein kleiner Junge, vielleicht sechs, mit großen Augen und einer Krone aus Papier. Die Villa im Hintergrund: hohe Decken, Stuck, ein Kronleuchter, der wahrscheinlich mehr gekostet hat als meine gesamte Wohnungseinrichtung. Die Teller – weiß, mit Goldrand, so fein, dass man Angst hätte, sie anzufassen. Hab ich noch nie gesehen, sowas.

Und er sitzt da mittendrin, lächelt in die Kamera, aber seine Augen gucken irgendwo anders hin. Als wäre er Gast in seinem eigenen Leben. Er wirkt einsam. Richtig einsam. Nicht so wie ich, mit meinem Fleck-Sofa und dem Tee aus der Dose. Sondern auf die teure Art. Die Art, wo man alles hat und trotzdem nichts fühlt.

Hab das Foto lange angeguckt. Dann weiter gescrollt. Und plötzlich gedacht: Was mach ich eigentlich hier? Ich sitz auf einem Sofa, das ich hasse, scrolle durch Leben, die nicht meins sind, und spar 15 Euro im Monat, während ich immer noch in derselben Bude hocke.

Aber weißt du was? Der Tee schmeckt. Der Raum ist still. Und ich hab den Fragebogen von der Genossenschaft ausgefüllt. Ein Jahr Wartezeit. Ein Jahr. Das ist lang. Aber es ist ein Anfang.

Morgen wieder Büro. Wieder Excel. Wieder der Bus. Aber vielleicht ruf ich nächste Woche bei der VHS an. Nur mal fragen, ob der Kurs noch Plätze hat. Nur mal gucken.

Ich bin 27. Ich hab blonde Haare, die mir immer noch fremd sind. Ich hab ein Sofa, das ich irgendwann loswerden will. Und ich hab einen Fragebogen, der irgendwo in einem kleinen Büro liegt und auf mich wartet.

Vielleicht ist das genug für heute.

Isabella

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