Isabella sitzt im Büro vor dem Computer.
Isabellas Tagebuch

Excel und das Leben

2. Dezember 2024

Montag, 18:30 Uhr, immer noch alles beim Alten

Bus um 7:12, Straßenbahn um 7:28, dieselben Gesichter, dieselben Gerüche. Heute hat irgendwer Knoblauch gegessen und vergessen, sich die Zähne zu putzen. Oder absichtlich nicht. Im Gedränge hab ich mich gefühlt wie in ’ner Dose Ölsardinen, nur ohne Öl und mit mehr Schweiß.

Im Büro dann das Übliche. Excel, E-Mails, Kaffee aus der Maschine, die immer nach Plastik schmeckt. Die Aufgaben sind so langweilig, dass ich manchmal einfach nur dastehe und gucke, wie der Cursor blinkt, und mir denke: Das war’s jetzt? Das ist der Rest meines Lebens?

Sandra hat in der Mittagspause von ihrem Wochenendausflug nach Köln erzählt. Dom, Schokoladenmuseum, Rheinufer bei Sonnenuntergang, Selfies mit Kölsch. „War so schön, Isabella, du musst echt mal raus!“ Hab nur genickt und gesagt: „Ja, vielleicht.“ In Wirklichkeit hab ich das Wochenende auf der Couch verbracht, China-Drama geguckt und mit meiner Mutter telefoniert. Sie hat gefragt, ob’s mir gut geht, und ich hab „Ja, klar“ gesagt, weil sie sich sonst Sorgen macht und dann anfängt, von früher zu reden, als alles noch „einfacher“ war. Sie will, dass ich zu Weihnachten komme. Hab schnell aufgelegt, bevor sie nach Sebastian fragt.

Frau Meier hat mich heute Nachmittag zu sich gerufen. Nicht zum Schimpfen. Sie hat von einem Firmenstipendium geredet. Für eine Fernhochschule. Betriebswirtschaft oder so was Ähnliches. Halbe Kosten übernimmt die Firma, wenn man den Abschluss schafft und mindestens zwei Jahre bleibt. „Du bist gut in Zahlen, Isabella. Pivot-Tabellen und so weiter. Denk mal drüber nach.“ Hab nur „Danke, mach ich“ gemurmelt und bin wieder an meinen Platz.

Kevin hat parallel dazu eine wichtige Tabelle zerschossen. Irgendwas mit Formeln gelöscht, Filter kaputt gemacht, das ganze Ding sah aus wie nach ’nem Bombenangriff. Hat mich angeguckt wie ein Kind, das die Vase zerbrochen hat. Hab nur gesagt: „Sieh selbst zu, wie du’s wieder hinkriegst.“ Bin aufgestanden und hab mir ’nen Kaffee geholt. Zum ersten Mal hab ich nicht sofort geholfen. Hat sich komisch angefühlt. Aber auch… richtig.

Auf dem Heimweg hab ich wieder an den Friseur gedacht. Und an die VHS. Hab den Flyer heute nicht mal aus der Tasche geholt. Er liegt immer noch drin, zerknittert, mit ’nem Kaffeefleck von letzter Woche. Und das Foto von der Frisur ist immer noch am Kühlschrank. Aber ich hab nichts gemacht. Kein Anruf. Kein Klick. Nichts.

Zu Hause angekommen hab ich die Jacke ausgezogen, Schuhe in die Ecke gekickt und mich aufs Sofa fallen lassen. Der Boden glänzt immer noch ein bisschen von Samstag. Aber sonst? Alles beim Alten. Dieselbe Decke, dieselbe Fernbedienung, dieselbe Stille.

Morgen ist Dienstag. Vielleicht frag ich Frau Meier nach dem Stipendium. Nur nachfragen. Nicht gleich ja sagen. Vielleicht geh ich wirklich mal zum Friseur. Oder ich lass es.

Ich weiß nicht, warum ich heute so müde bin. Ich hab den Fernseher ausgemacht, weil mir selbst das zu laut war.

Isabella

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert