Wohnungsantrag und das Leben

10. Januar 2025 Freitag, 19:00 Uhr, Sofa

Heute kam die Mail von der Genossenschaft. Betreff: „Bestätigung Ihrer Aufnahmeanfrage“. Ich hab erst gedacht, das ist Spam, weil die Adresse so offiziell aussieht. Aber nein.

„Sehr geehrte Frau Hartmann, hiermit bestätigen wir den Eingang Ihres Aufnahmeantrags. Sie stehen nun auf unserer Warteliste. Aufgrund der aktuellen Nachfrage und der begrenzten Verfügbarkeit muss mit einer Wartezeit von mindestens 12–18 Monaten gerechnet werden. Wir melden uns, sobald eine passende Wohnung verfügbar ist.“

Mindestens 12–18 Monate. Also frühestens Ende 2026. Vielleicht sogar 2027. Ich hab die Mail dreimal gelesen, dann den Laptop zugeklappt und mich aufs Sofa fallen lassen.

Alltag

Im Büro war heute wieder nur Arbeit. Nix Neues. Frau Meier hat Urlaubsfotos von ihrer Enkelin gezeigt (das Kind hat jetzt Zöpfchen und kann „Oma“ sagen), Sandra und Kevin haben sich in der Mittagspause kurz geküsst, als sie dachten, niemand guckt, und ich hab meine Excel-Tabellen gemacht wie immer. Keiner hat gefragt, wie Silvester war. Keiner hat gefragt, wie’s mir geht. Und ich hab’s auch nicht erzählt.

Auf dem Heimweg hab ich noch Brot und Milch geholt. Kein Wein. Kein Fertigessen. Zu Hause angekommen ist mir sofort die Gardine im Wohnzimmer aufgefallen. Die linke Seite hängt schief runter. Der Dübel hat sich aus der Wand gelöst, der Putz bröckelt, und das ganze Ding baumelt wie ein Betrunkener. Früher hätte ich Sebastian gerufen: „Kannst du mal den Dübel neu setzen?“ Und er hätte geseufzt, aber gemacht. Jetzt guck ich mir das an und denk: Scheiß drauf. Ich geb hier kein Geld mehr aus. Keinen neuen Dübel. Keine neue Gardine. Kein Werkzeug. Nichts. Die Bude kann ruhig weiter zerfallen. Wenn ich in einem Jahr (oder zwei) rauskomm, dann soll sie ruhig kaputtgehen.

Ich sitz hier, der Tee wird kalt, das Sofa saugt mich ein wie immer, und draußen fährt der Bus vorbei. Und ich frag mich: Ist das jetzt mein Leben? Warten auf eine Warteliste? Warten auf einen Kurs, den ich vielleicht nie mache? Warten darauf, dass die Gardine ganz runterfällt?

Aber weißt du was? Ich hab den Antrag abgegeben. Ich steh auf einer Liste. Jemand hat meinen Namen notiert. Das ist mehr, als ich vor zwei Monaten hingekriegt hab.

Morgen ist Samstag. Vielleicht räum ich die zwei Säcke mit Klamotten endlich in den Keller. Vielleicht guck ich mir YouTube-Tutorials an, wie man Dübel neu setzt (nur zum Gucken). Vielleicht tu ich gar nichts.

Aber die Mail ist da. Und die Gardine hängt schief. Und ich bin immer noch hier. Aber ich warte nicht mehr nur. Ich warte mit einem Plan.

Isabella

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