Zwischen zwei Leben
11. Dezember 2024
Mittwoch, 18:45 Uhr, immer noch der alte Stuhl am Küchentisch
Zwischen zwei Leben
Hab gerade Nudeln mit Pesto gegessen. Fertigpesto aus dem Glas, das mit dem grünen Deckel, das immer zu salzig ist. Hab trotzdem alles aufgegessen. Jetzt steht der Teller da und starrt mich an. Keine Lust zum Spülen. Muss aber. Wenn ich’s nicht mache, wird’s morgen noch schlimmer, und dann ekelt’s mich vor mir selbst. Also aufstehen, Wasser laufen lassen, Schwamm, Seife, fertig. Kleine Siege.
Im Büro war’s heute wieder so ein Flirt-Theater. Sandra und Kevin. Die beiden denken, sie sind unauffällig. Sind sie nicht. Er bringt ihr Kaffee, sie lacht zwei Sekunden zu lang über seine blöden Witze, sie berühren sich „zufällig“ am Kopierer. Das ganze Büro tuschelt schon. Frau Meier hat heute nur die Augenbrauen hochgezogen und nichts gesagt. Thomas hat gemurmelt: „Na endlich.“ Ich hab so getan, als würd ich’s nicht mitkriegen. Hab einfach meine Excel-Tabelle weitergetippt und gedacht: Macht doch. Wenigstens einer hat hier Spaß.
Ich hab mich wieder nicht getraut. Wieder nicht nach der VHS gefragt. Wieder nicht den Stipendien-Flyer aus der Tasche geholt und Frau Meier gefragt, wie das mit der Bewerbung genau läuft. Das kostet richtig viel Kohle. Auch wenn die Firma die Hälfte zahlt – die andere Hälfte muss ich irgendwie stemmen. Und was, wenn ich’s nicht schaffe? Wenn ich nach drei Monaten hinschmeiße? Dann steh ich da mit Schulden und dem Gefühl, wieder versagt zu haben. Und Sebastian hätte recht gehabt. Wieder mal.
Hab den Flyer trotzdem mit nach Hause genommen. Liegt jetzt neben dem salzigen Pesto-Teller. Vielleicht guck ich ihn später an. Vielleicht werf ich ihn weg.
Fernsehen kommt nix. Werbung, Werbung, RTL2-Doku über irgendwas Trauriges. Netflix: Scrolle durch, nichts. Kein Bock auf Drama, kein Bock auf Comedy, kein Bock auf nichts. Also wieder Instagram. Dauerbrenner.
Der Typ aus Madrid
Und da ist er wieder. Der Spanier mit dem Loft in Madrid. Heute hat er ein Story-Video hochgeladen: morgens, Sonne fällt durch die riesigen Fenster, er macht Kaffee in so einer silbernen Maschine, die mehr kostet als mein Jahresurlaub. Er trägt nur ’ne Jogginghose, barfuß auf dem Betonboden, Bart schon grau meliert. Ende 30, schätze ich. Vielleicht Anfang 40. Aber er hat was. Diese ruhige Art, wie er die Tasse hält, wie er aus dem Fenster guckt, als würde er über was Großes nachdenken. Keine Frau im Bild. Keine Kinder. Nur er und der Raum und die Stadt da draußen. Caption: „Buenos días, Madrid.“
Ich hab das Video dreimal geguckt. Nicht weil er heiß ist (ist er schon, aber das ist nicht der Punkt). Sondern weil er so… allein aussieht und trotzdem okay damit. Als ob er sich das Loft nicht gekauft hat, um jemanden zu beeindrucken. Sondern einfach, weil er’s wollte. Weil er’s sich leisten konnte. Weil er’s geschafft hat.
Ich hab mir vorgestellt, wie ich da sitze. Mit meinen neuen Haaren. Mit ’nem Kaffee. Und nichts muss. Kein Sebastian, der sagt „Du musst was aus dir machen“. Kein Büro, das mich klein hält. Nur ich und die Sonne und der Gedanke: Das reicht.
Dann hab ich das Handy weggelegt. Weil’s wehtut. Weil’s schön ist. Weil’s beides gleichzeitig ist.
Morgen ist Donnerstag. Vielleicht frag ich doch. Vielleicht nicht. Aber heute hab ich die Nudeln gegessen, die mir schmecken. Auch wenn sie zu salzig waren.
Isabella


