Isabellas Tagebuch

Der Abend mit den offenen Tabs

12. Dezember 2024

Donnerstag, 20:30 Uhr, immer noch das Sofa mit Fleck 

Hab den ganzen Abend nur rumgesessen und durch seinen Feed gescrollt. Der Spanier. Der mit dem Loft. Hab’s mir angetan wie eine Sucht: Story nach Story, Post nach Post. Er ist gerade in Marrakesch, dann wieder Madrid, dazwischen ein Wochenende in Barcelona, ein Foto von ihm mit Freunden auf einem Dach mit Blick auf die Sagrada Família, alle lachen, alle haben teure Uhren. Er lebt wie Krösus, aber ohne Angeberei. Keine Goldketten, keine Sportwagen, nur gutes Licht, gutes Essen, gutes Leben. Hab ihn nicht abonniert. Würd mich nur noch mehr fertigmachen, wenn ich jeden Morgen seine Stories sehe und dann in meinen grauen Bus steigen muss. 

In zwei Wochen ist Weihnachten vorbei. Noch 13 Tage. Die Musik in den Läden nervt jetzt schon so sehr, dass ich mir die Ohren zuhalten will, wenn ich nur an Aldi denke. Muss noch ein Geschenk für Mama kaufen. Das Parfüm, das sie sich nie gönnt – Chanel No. 5, die kleine Flasche, weil die große zu teuer ist. Und ein paar Kerzen für mich selbst. Duftkerzen, vielleicht Zimt oder Vanille, damit die Bude wenigstens mal nach was anderem riecht als nach Pesto und altem Sofa. Ein Baum lohnt nicht. Allein einen aufstellen, schmücken, wieder abbauen – wofür? Für mich und den Fleck? 

Ich hab heute wieder nicht gefragt. Im Büro war nichts Besonderes. Keine Katastrophe, kein Gespräch mit Frau Meier, kein „Hey, Isabella, wie läuft’s mit dem Stipendium?“. Sandra und Kevin haben sich heute sogar kurz geküsst, hinter dem Kopierer, dachten wohl, niemand sieht’s. Hab’s gesehen. Hab weggeschaut. 

Aber auf dem Heimweg hab ich gedacht: Ich hätte ja Lust, was Neues zu lernen. Muss ja nicht gleich studieren. Nicht gleich Abitur nachholen oder Fernuni oder was Großes. Einfach was Kleines. Einen Kurs. Online vielleicht. Zeichnen. Oder Kochen, richtig kochen, nicht nur Nudeln mit Fertigsoße. Oder Gitarre. Oder Sprachen. Spanisch. Wär doch witzig. Dann könnte ich die Captions von dem Spanier verstehen, ohne Google Translate. 

Hab mir auf dem Handy schnell mal „kostenlose Online-Kurse“ gegoogelt, während ich auf der Couch lag. Es gibt so viel Zeug umsonst. Coursera, YouTube, Skillshare mit Gratis-Monat. Hab ein paar Tabs offen gelassen. Nicht geklickt. Noch nicht. Aber die Tabs sind da. Wie kleine Versprechen. 

Der Fleck auf dem Sofa guckt mich immer noch an. 

Morgen geh ich vielleicht Parfüm kaufen. 

Und vielleicht klick ich einen von den Tabs an. 

Oder ich scroll weiter durch Madrid-Lofts und tu so, als wär das Leben anderer Leute nicht meins. 

Aber heute Abend riecht’s immer noch nach salzigem Pesto. 
Und das ist okay. 
Weil’s meins ist. 

Isabella

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