Kurz. Blond. Frei. Mein erster großer Schritt.
6. Dezember 2024
Freitag, 21:30, Sofa, immer noch mit Fleck
Heute war der Tag, an dem ich’s wirklich durchgezogen hab.
Morgens hab ich schon im Bus gesessen und gedacht: Wenn ich jetzt kneife, kneif ich für immer. Aber ich bin nicht gekniffen. Hab um 13:30 einfach den Rechner runtergefahren, „hab noch einen Termin“ in den Chat getippt und bin gegangen. Frau Meier hat nur kurz aufgeblickt und genickt, als wüsste sie Bescheid. Vielleicht wusste sie’s ja wirklich.
Beim Friseur war’s erst mal wie immer: der Geruch nach Chemie und warmem Fön, die Frau von neulich hat mich reingewunken, „Setz dich, Isabella, wir machen dich hübsch“. Die Musik war so ein typischer Friseurladen-Oldie-Mix – Helene Fischer, Andrea Berg, zwischendurch mal Pur. Oma-mäßig hoch zehn. Hab mich fast geschämt, dass ich mit 27 da sitze und mir das anhöre, aber ich hab’s ausgehalten.
Hab ihr das ausgedruckte Foto gegeben und gesagt: „So ähnlich, aber ich trau mich mehr. Kürzer. Und heller. Richtig blond.“ Sie hat gelächelt, als wär sie stolz auf mich. Dann ging’s los. Schere rein, Strähnen fielen auf den Boden wie braune Herbstblätter. Ich hab nicht hingeguckt. Hab nur in den Spiegel gestarrt und gedacht: Das ist jetzt.
Am Ende war’s richtig kurz. Pixie-Cut, sagt sie. Hinten und an den Seiten fast raspelkurz, oben bisschen länger, mit leichten Stufen. Honigblond mit ein paar helleren Strähnen drin. Nicht platin, nicht grell – aber hell genug, dass es mich fast blendet, wenn ich den Kopf drehe. Im Spiegel hab ich mich nicht sofort erkannt. Die Augen wirken größer, die Wangenknochen schärfer, die Falten um die Mundwinkel sind immer noch da, aber irgendwie weniger wichtig.
Ich hab bezahlt (mehr als gedacht, aber egal), Trinkgeld gegeben und bin raus. Draußen war’s schon dunkel, Dezember halt, und der Wind hat mir direkt in den Nacken gepustet. Kalt. Aber frei. Als hätte jemand die Decke weggezogen, unter der ich die letzten Jahre gehockt hab.
Zu Hause angekommen hab ich mich erst mal nicht hingesetzt. Bin direkt ins Bad, Licht an, Spiegel an, und hab geguckt. Lange. Hab mit den Fingern durchgefahren – fühlt sich an wie Samt und Stoppeln zugleich. Hab gelacht. Einmal laut. Dann geheult. Ein bisschen. Weil’s schön war und scheiße zugleich. Schön, weil’s neu ist. Scheiße, weil Sebastian das nie sehen wird. Und weil’s mir egal ist.
Jetzt sitz ich hier, auf dem Sofa mit dem Currywurst-Fleck, neue Frisur, altes Leben. Der Fleck guckt mich an wie immer. Aber ich guck zurück. Und zum ersten Mal denk ich: Der muss auch irgendwann weg.
Morgen ist Samstag. Vielleicht geh ich einkaufen. Vielleicht kauf ich mir was, das zu den neuen Haaren passt. Vielleicht ruf ich endlich bei der VHS an. Vielleicht lad ich den Fernhochschul-Antrag runter.
Oder ich mach erst mal gar nichts. Aber die Haare sind ab.
Isabella


