Isabella sitzt am Küchentisch und denkt nach

Es ist mehr als nichts

8. April 2025 Dienstag, 22:00 Uhr, Küche, nur die kleine Lampe ist an

Heute war’s fast so weit. Fast mit Matthias aneinandergeraten.

Er kam mittags wieder an meinen Tisch geschlichen, während ich meine Tupperdose aufgemacht hab (Nudeln mit Tomatensugo – das Übliche, das jetzt schon nach „mein Ding“ riecht). „Isa, riecht wieder mega. Darf ich mal probieren? Nur ’nen kleinen Löffel?“ Hab ihn angeguckt. Lange. Ohne zu blinzeln. „Ob man mit ’nem BWL-Bachelor so wenig verdient, dass man die Kollegen anhauen muss?“

Er hat erst gelacht, so ein kurzes, verlegenes Lachen, dann aber ernst geguckt. „Nein, ehrlich. Dein Essen riecht immer so… richtig. Nicht wie die Kantine oder die Dönerbude. Das macht Appetit.“ Ich hab nur „Dann koch dir selbst was“ gesagt und die Dose wieder zugemacht. Frau Meier stand zufällig in der Tür zur Kaffeeküche und hat alles mitbekommen. Hat nichts gesagt. Nur die Augenbraue hochgezogen. Diese eine, die sie immer hochzieht, wenn sie denkt: „Da braut sich was zusammen.“ Matthias ist abgezogen, ohne noch was zu sagen. Aber ich hab’s gespürt: Der gibt nicht auf. Der findet das irgendwie spannend. Und das macht mich wütend.

Abends wieder Zumba. Und es klappt immer besser. Nicht perfekt, nicht wie die vorderen Reihen, die aussehen, als hätten sie das im Blut. Aber ich hab die Schritte mitgekriegt. Die Drehung, den Kick, sogar den Armschwung, der vorher immer zwei Takte zu spät kam. Die Trainerin hat mich heute einmal angelächelt und „Super, weiter so!“ gerufen. Nicht laut, nicht peinlich. Einfach so. Und eine Frau aus der Mitte hat mir nach dem Kurs zugezwinkert. Es fängt an Spaß zu machen. Richtig Spaß. Nicht „Ich bin die Beste“-Spaß, sondern „Ich bin hier und ich mach mit“-Spaß. Das ist neu.

Bald ist Ostern. Nächstes Wochenende schon. Hab nichts geplant. Keine Blumen, keine gefärbten Eier, keinen Braten, keinen Osterstrauß, nichts. Mama hat gefragt, ob ich komme. Hab gesagt „Weiß noch nicht“. In Wirklichkeit weiß ich’s genau: Ich fahr wahrscheinlich hin. Weil ich nicht allein in dieser Bude sitzen will, mit dem nackten Fenster und dem Fleck, der mich anstarrt, während draußen die Leute Eier suchen und lachen. Aber ich hab auch keine Lust auf die alten Geschichten. Auf „Weißt du noch, wie Papa immer…“ und dann das Schweigen, das danach kommt.

Ich sitz hier, die kleine Lampe wirft so einen gelben Kreis auf den Tisch, die Tupperdose von morgen steht schon bereit, und ich denk: Vielleicht kauf ich doch Eier. Nicht färben. Nur kochen. Und vielleicht fahr ich zu Mama. Und vielleicht sag ich ihr, dass ich Zumba mache. Und dass ich nicht mehr so viel allein bin. Auch wenn’s noch nicht viel ist.

Aber es ist mehr als nichts.

Isabella

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