Warum der erste Schritt immer der schwerste ist
17. März 2025
Dienstag, 22:45 Uhr, Bett, egal wie
Heute war der erste Zumba-Termin. Hab mich total blamiert.
Bin extra früher hingefahren, damit ich noch Zeit hab, mich umzugucken. Hab die schwarze Leggings angezogen, die ich seit drei Jahren nicht mehr getragen hab (sitzt enger als früher, aber geht), und ein altes graues Shirt, das ich sonst nur zum Putzen nehme. Hab mir gedacht: letzte Reihe, ganz hinten, da sieht keiner, wenn ich’s versaue.
Falsch gedacht.
Die Halle war voll, vielleicht 20 Frauen, alle zwischen 25 und 50, alle wussten, was sie tun. Die Trainerin – so eine kleine, energiegeladene Frau mit Pferdeschwanz und pinkem Top – hat sofort „Willkommen!“ gerufen, als ich reingekommen bin. Hab nur genickt und bin ganz hinten geblieben.
Dann ging’s los. Musik an, Bass laut, und alle fingen an zu tanzen. Hüfte links, rechts, Arm hoch, Drehung, Schritt vor, zurück, Clap-Clap-Clap. Ich hab versucht, mitzukommen. Hab wirklich versucht. Aber ich konnte mir keinen einzigen Schritt merken. Null. Jedes Mal, wenn ich dachte „okay, jetzt hab ich’s“, kam schon der nächste Move und ich stand da wie ein verlorener Pfosten.
Zweimal bin ich fast in die Frau vor mir reingestolpert. Einmal hat sie sich umgedreht und so ein genervtes „Pass doch auf“-Gesicht gemacht. Hab mich sofort entschuldigt, rot wie ’ne Tomate, und bin noch weiter nach hinten gegangen. Bis an die Wand. Da hab ich dann nur noch so halb mitgemacht, Arme irgendwie bewegt, Füße nicht vom Fleck gekriegt.
Nach 45 Minuten war ich schweißnass, nicht vor Anstrengung, sondern vor Scham. Die anderen haben sich danach noch unterhalten, gelacht, Wasser getrunken. Ich hab nur schnell meine Tasche geschnappt und bin raus. Kein „War schön!“, kein „Bis nächste Woche!“. Nur raus.
Jetzt lieg ich hier im Bett, immer noch feucht vom Schweiß (hab mich nicht mal richtig abgeduscht), und denk: Warum hab ich das überhaupt gemacht? Ich kann nicht tanzen. Ich kann nicht mal normal gehen, ohne über meine eigenen Füße zu stolpern. Die anderen waren genervt. Klar waren sie genervt. Ich war die, die alles durcheinandergebracht hat.
Keine Ahnung, ob ich nochmal hingehe. Der Kurs kostet 69 Euro für acht Termine. Hab schon bezahlt. Aber 69 Euro sind 69 Euro. Vielleicht geh ich einfach nicht mehr. Vielleicht schreib ich der VHS ’ne Mail: „Kann leider nicht weitermachen, gesundheitliche Gründe.“ Oder ich geh doch nochmal hin. Weil wenn ich jetzt aufgebe, dann ist’s wieder so wie immer: ich fang was an und lass es liegen.
Mama hat gesagt: „Du musst unter die Leute.“ Und ich hab gedacht: Ja, Mama, aber unter die Leute zu gehen, wenn man sich fühlt wie der letzte Trottel, ist auch keine Lösung.
Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass meine Beine wehtun, obwohl ich kaum was gemacht hab. Und dass ich mich schäme. Und dass ich trotzdem irgendwie stolz bin, dass ich hingegangen bin. Auch wenn’s scheiße war.
Morgen ist Mittwoch. Wieder Büro. Wieder alles wie immer. Aber nächste Woche Dienstag ist wieder Zumba. Vielleicht geh ich. Vielleicht nicht.
Isabella
