Vier Wörter auf Spanisch
18. April 2025
Karfreitag, 22:30 Uhr, Sofa, Fleck sieht traurig aus
Heute war Karfreitag und im Büro trotzdem der übliche Wahnsinn.
Frau Meier hat extra gesagt, wer will, darf früher gehen, aber die meisten sind geblieben, weil eh nichts los ist und der Monatsabschluss nächste Woche drückt. Matthias hat heute fast nichts gesagt. Kein „Hey Isa“, kein Grinsen am Kopierer, kein „Riecht wieder lecker“. Er hält Abstand. Richtig Abstand.
Frau Meier hat wohl mit ihm geredet. Hat sie nicht zugegeben, aber ich hab’s gemerkt: als ich heute Nachmittag in ihr Zimmer musste, um eine Unterschrift zu holen, hat sie mich länger angeguckt als sonst und dann nur gesagt: „Alles gut bei dir?“
Hab genickt.
Keine Ahnung, ob mir das besser gefällt.
Einerseits: endlich Ruhe.
Andererseits: fühlt sich an, als hätte ich was falsch gemacht. Als wäre ich diejenige, die überreagiert hat, die Zicke, die nicht mal ’nen Löffel Curry teilen kann.
Abends hab ich mir ein neues Video von Sergio angeguckt.
Der Spanier.
Diesmal aus seinem Dorf in Aragon. Er steht vor einer kleinen Kapelle, die aussieht, als würde sie jeden Moment umfallen. Semana Santa, Heilige Woche. Eine Prozession: Frauen in schwarzen Kleidern mit Schleiern, Männer mit riesigen Kerzen, die Gesichter ernst. Eine Marienstatue wird rausgetragen, ganz langsam, als wäre sie aus Glas. Kinder stehen am Rand, gucken mit großen Augen zu. Kein Gelächter, keine Selfies. Nur Stille und der Gesang, der irgendwo aus der Ferne kommt.
Seine Stimme war anders. Trauriger. Leiser.
Er hat erzählt, wie das früher war, als noch Menschen hier lebten. Dann schwenkt die Kamera weg: Ruinen. Eingestürzte Dächer, leere Fenster, Gras wächst durch den Boden der Kirche. Da ist nichts mehr übrig. Nur Steine und Wind.
Hab’s mir dreimal angeguckt.
Und dann hab ich’s gemacht.
Zum ersten Mal.
Hab einen Kommentar geschrieben.
„Qué lugar tan encantador!“
Was für ein bezaubernder Ort!
Hab’s abgeschickt, bevor ich’s mir anders überlegen konnte.
Herzklopfen bis in die Fingerspitzen.
Als hätte ich ihm einen Brief geschrieben.
Als könnte er antworten.
Als würde er überhaupt lesen, was ich schreibe.
Jetzt sitz ich hier, das Handy liegt neben mir, Bildschirm dunkel. Kein Like. Keine Antwort. Natürlich nicht.
Aber ich hab’s geschrieben.
Zum ersten Mal hab ich nicht nur geguckt und geschluckt. Ich hab was gesagt.
Auch wenn’s nur vier Wörter auf Spanisch waren, die ich aus Google Translate geklaut hab.
Ostern ist fast rum.
Morgen ist Karsamstag.
Ich fahr wahrscheinlich zu Mama.
Vielleicht nehm ich die neue Bettwäsche mit und wasch sie bei ihr.
Vielleicht erzähl ich ihr von Zumba.
Vielleicht erzähl ich ihr gar nichts.
Aber heute Abend hab ich einen Kommentar geschrieben.
Und der Fleck auf dem Sofa sieht nicht mehr nur traurig aus.
Er sieht aus, als würde er auch mal was sagen wollen.
Isabella
