Kleine Schritte, aber immerhin Schritte
4.Mai 2025
Sonntag, 18:37 Uhr, Wohnzimmer, Sofa (das heute besonders tief einsinkt, als wüsste es, dass ich eh nicht hochwill)
Hab’s echt nicht kommen sehen. Stand grad in der Küche, hab versucht, die Cornflakes-Packung ganz oben zu erreichen, weil ich mir eingeredet hab, dass ich heute mal was Gesundes esse statt wieder nur Toast. Und plötzlich kracht der Hocker unter mir weg – einfach so, mit so ’nem lauten Knacks, als hätte er jahrelang nur auf diesen Moment gewartet. Bin auf den Arsch gefallen, die Packung ist runtergekommen und hat mir fast den Kopf eingeschlagen. Hab erst mal nur dagelegen und gedacht: Na toll, Isabella, jetzt brichst du dir auch noch was in deiner eigenen Bude.
Hab den Hocker dann hochgehoben – war ja eh nur Sperrmüll-Qualität – und direkt in den Container unten geschmissen. Kein Drama, kein „vielleicht kann man den noch reparieren“. Weg is weg. Jetzt steh ich da und komm an die oberen Schränke nicht mehr ran. Muss mir echt mal ’ne richtige kleine Leiter kaufen. Gibt die doch bei Ikea für 15 Euro oder so. Oder beim Action. Irgendwas, das nicht sofort wieder zusammenkracht.
Und dann, als ich wieder ins Wohnzimmer zurück bin, mit dem Staubsauger im Nacken und dem Gefühl, dass der Tag mich heute richtig verarscht, seh ich sie. Die Frau gegenüber. Stand einfach am Fenster, Gardine ein Stück zur Seite geschoben, und hat geguckt. Nicht so flüchtig, sondern richtig. Als hätte sie gewartet. Hab instinktiv die Hand gehoben – mehr so reflexmäßig – und sie hat zurückgewunken. Klein, aber eindeutig. Mit so ’nem halben Lächeln, das man durch zwei Fenster und 15 Meter Entfernung trotzdem sieht.
Hab mich total ertappt gefühlt. Als ob sie wüsste, dass ich sie schon seit Monaten heimlich beobachte. Hab schnell den Vorhang wieder zugezogen (den ich ja eh nicht mehr hab, also hab ich einfach die Jalousie runtergelassen, die quietscht wie Sau). Aber irgendwie… war das schön. Erstes echtes Winken von drüben. Vielleicht ist sie auch einsam. Vielleicht winkt sie einfach jedem, der mal zurückwinkt. Keine Ahnung. Aber es hat sich angefühlt, als wär da jemand, der mich sieht. Nicht nur das Chaos-Sofa und die nackten Fenster.
Danach hab ich mich wieder auf Insta verkrochen. Der Post von gestern mit der Wohnung hat jetzt 62 Likes und ein paar mitleidige Kommentare mehr. Und weil ich grad eh schon alles egal war, hab ich unter Sergios letzter Antwort geschrieben: „Sí. Algunos olores se quedan para siempre.“ Hab’s dreimal gecheckt, ob’s grammatikalisch passt. Google Translate und ich sind mittlerweile beste Freunde. Keine Antwort bisher. Wahrscheinlich liest er’s und denkt: „Wer zur Hölle ist diese Deutsche mit den Curryflecken und den spanischen Sprüchen?“
Aber weißt du was? Scheiß drauf. Ich hab gewunken. Ich hab geschrieben. Ich hab den scheiß Hocker weggeworfen, statt ihn ewig rumstehen zu lassen. Kleine Schritte, aber immerhin Schritte.
Morgen wieder arbeiten. Matthias wird wieder versuchen, mit mir über das Wetter zu quatschen. Ich werd ihm sagen, dass es scheiße ist und dass ich keine Lust auf Smalltalk hab. Vielleicht sag ich’s sogar laut. Mal sehen.
Isabella
