2900 Euro
22.Mai 2025
Mittwoch, 19:14 Uhr, Küchentisch (der mit dem wackeligen Bein, das ich mit ’nem Bierdeckel stabilisiert hab, der Poststapel liegt daneben wie ’ne Bombe)
Der Umschlag vom Ordnungsamt lag heute im Briefkasten, zwischen Werbung für Pizzalieferung und ’nem Flyer vom Discounter. Hab ihn erst mal liegen lassen, bis ich vom Einkaufen zurück war. Dann hab ich ihn aufgerissen, weil ich dachte, vielleicht ist’s ja nur so’n Formular-Ding. War’s nicht.
„Anonyme Beisetzung auf dem Hauptfriedhof Gelsenkirchen-Buer, Urnenfeld 14.“ Kein genaues Grab, kein Stein, nix, wo man hingehen könnte. Nur die Info, dass es erledigt ist. Und dann die Rechnung: 2.900 €. Binnen einer Woche zu zahlen, sonst „gerichtliche Schritte und Zwangsvollstreckung“. Hab den Zettel dreimal gelesen, als wär da noch ’n versteckter Rabattcode drin. Nix. Nur die Zahl, fett gedruckt.
Hab ich nicht. Klar hab ich das nicht. Der Dispo ist immer noch bei knapp 1.100, und ich hab gerade mal 47 € auf’m Girokonto, bis Ende Monat. 2.900 €. Das ist mehr als vier Monatsmieten. Mehr als alles, was ich in den letzten zwei Jahren gespart hab. Muss Kredit aufnehmen. Hab schon mal bei der Sparkasse online geguckt – „Sofortkredit ab 1.000 €“, steht da. Aber bei meinem Einkommen und dem Dispo? Die lachen mich wahrscheinlich aus. Oder geben mir was zu 14 % Zinsen, und dann zahl ich die nächsten zehn Jahre ab, während ich weiter auf dem durchgesessenen Sofa sitz.
Hab Mama angerufen. Sie hat sofort abgenommen, als hätte sie gewartet. Hab ihr von der Rechnung erzählt. Sie hat nur gesagt: „Der hat uns ja immer nur Schulden hinterlassen.“ Dann Stille. Dann: „Ich kann dir nix geben, Bella. Ich komm ja selbst kaum über die Runden.“ Hab „weiß ich doch“ gesagt und aufgelegt, bevor sie wieder anfängt zu weinen. Oder ich.
Danach hab ich Insta aufgemacht. Sergio hat ein neues Video hochgeladen. Irgendeine Familienhochzeit, wahrscheinlich ’n Cousin oder so. Kleine weiße Kapelle am Meer, die Braut in so ’nem schlichten, aber wunderschönen Kleid, alle lachen, tanzen, Gläser klirren. Die Sonne scheint, als wär’s extra für die gedreht. Er filmt von hinten, man sieht nur seinen Arm mit dem Handy, und am Ende zoomt er auf die Braut und den Bräutigam, die sich küssen. Untertitel: „Amor de verdad ❤️“. Hab’s stumm geschaut. Hab nicht geliked. Hab nicht gratuliert. Hab einfach nur geguckt, wie glücklich die alle sind, und gedacht: Die kennen wahrscheinlich nicht mal das Wort „Ordnungsamt“.
Hab den Reiseführer wieder rausgeholt. Bilbao aufgeschlagen. Die Seite mit dem Guggenheim. Hab mir vorgestellt, wie ich da stehe, allein, mit ’nem Rucksack und 2.900 € Schulden am Hals. Hab das Buch wieder zugeklappt. Zu weit weg. Zu teuer. Zu viel.
Morgen geh ich zur Bank. Oder ruf an. Oder such mir ’nen Nebenjob. Oder leg mich einfach hin und tu so, als wär der Brief nie gekommen. Keine Ahnung. Aber irgendwas muss ich machen. Sonst wird’s noch schlimmer.
Der Tisch wackelt immer noch. Der Bierdeckel hilft nicht wirklich.
Isabella
