Putzwut und Neuanfang
Isabellas Tagebuch

Putzwut und Neuanfang

30. November 2024

Samstag, 21:50 Uhr, immer noch dieselbe Wohnung, nur sauber

Heute hab ich länger geschlafen als je in den letzten Monaten. Wecker aus, Handy auf lautlos, einfach liegen bleiben, bis der Körper von allein sagt: Okay, genug. War kurz nach elf. Hab mich gefühlt wie jemand, der sich das mal erlauben darf.

Dann bin ich einkaufen gegangen. Richtig einkaufen. Kein Aldi-Schnellgang mit Tiefkühlpizza und Energy-Drinks. Ich hab einen Korb genommen und bin langsam durch die Gänge gelaufen. Frisches Brot, Tomaten, die nicht schon matschig sind, Hähnchenbrustfilet, Paprika, Zucchini, sogar so ’ne Packung Rucola, weil ich dachte: Warum nicht mal was Grünes? Hab mir auch ’ne Flasche Olivenöl gekauft, das gute, das Sebastian immer „überteuert“ genannt hat. Jetzt steht’s in meinem Schrank. Mein Schrank.

Zu Hause angekommen hab ich erst mal alles weggeräumt. Richtig weggeräumt. Kein Chaos mehr auf der Arbeitsplatte. Dann Wäsche gemacht – die ganze, auch die Bettwäsche, die schon seit Halloween nicht mehr gewechselt war. Hab sie in die Maschine gestopft, 60 Grad, extra lang. Danach das Bett neu bezogen. Frisches Laken, das riecht nach Waschmittel und nichts nach ihm. Hab mich kurz reingelegt, nur so zum Testen. Fühlt sich an wie ein neues Bett. Ist es nicht. Aber fast.

Putzwut

Dann Staub gewischt. Überall. Auf dem Regal, wo die alten DVDs stehen, die keiner mehr guckt, auf dem Fernseher, auf den Fensterbänken. Hab sogar die Lampe abgestaubt, die immer so’n komischen Schatten wirft. Und dann den Fußboden. Eimer, Wischmopp, heißes Wasser mit ein bisschen Essigreiniger, weil ich gelesen hab, dass das PVC verträgt. Hab den Boden kaum wiedererkannt, als ich fertig war. Glänzt. Ist nur billiges PVC, grau mit so ’nem Marmor-Muster, das keiner mag, aber sauber. Richtig sauber. Hab barfuß drüber gelaufen und gedacht: Das hab ich gemacht. Allein.

Draußen hat’s angefangen zu regnen. Stark. Gegen die Scheibe geknallt wie kleine Steine. Hab das Licht ausgemacht und mich aufs Sofa gesetzt. Netflix angemacht. So ein China-Drama, wo alle wunderschön sind, die Männer tragen lange Mäntel und gucken immer dramatisch in die Ferne, die Frauen weinen perfekt geschminkt. Hab zwei Folgen geschaut, ohne richtig hinzugucken. War mehr Geräusch im Hintergrund.

Neuanfang

Und mittendrin hab ich plötzlich gedacht: Ich will eine neue Frisur. Keine Ahnung, woher das kam. Vielleicht weil alles andere heute neu angefühlt hat und weil ich im Spiegel gesehen hab, wie die Haare mir ins Gesicht hängen, wie immer, wie seit Jahren. Vielleicht will ich einfach mal was sehen, das nicht mehr nach „vorher“ aussieht.

Keine Ahnung, was genau. Vielleicht kürzer. Oder mit Pony. Blond wäre eine Möglichkeit. Oder kastanienbraun. Einfach nur mal richtig geschnitten, nicht nur die Spitzen. Ich hab mir auf dem Handy ein paar Bilder angeschaut. Nicht die Influencerinnen mit Filter und Extensions, sondern normale Frauen. Mit Falten. Mit normalen Gesichtern. Hab ein paar gespeichert. Nur so. Zum Gucken.

Morgen ist Sonntag. Vielleicht geh ich spazieren, wenn’s aufhört zu regnen. Oder ich ruf bei ’nem Friseur an. Vielleicht mach ich gar nichts.

Aber heute riecht die Wohnung nach Essig und frischer Wäsche. Und das ist besser, als sie die letzten Monate gerochen hat.

Isabella

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