35 Euro und drei Sätze
10.Juni 2025
Dienstag, 21:50 Uhr, Küche, Tisch abgeräumt, Geschirr gespült (der Spülberg war heute klein, fast schon vorbildlich, sogar die Pfanne von gestern ist blank)
Heute war die letzte Zumba-Stunde vor der Sommerpause. Die Trainerin hat uns alle umarmt, als wär’s der Abschied für immer, und hat gesagt: „Bis September, Mädels, bleibt fit!“ Ich hab mich direkt für den nächsten Kurs angemeldet, auch wenn’s erst nach den Ferien weitergeht. 12 Wochen Pause. Das klingt lang. Vielleicht fang ich in der Zeit an zu joggen. Oder geh schwimmen. Im Freibad in Buer, da ist’s nicht so überlaufen, und man muss nicht gleich ’nen Bikini tragen, wenn man sich blöd fühlt. Mal sehen. Jedenfalls hab ich unterschrieben und 35 € im Voraus bezahlt. Fühlt sich an wie ’ne kleine Investition in mich selbst. Oder wie ’ne Verpflichtung, die ich nicht brechen will.
Mittagspause und ein paar Worte
In der Mittagspause hab ich dann endlich auf Sergio geantwortet. Hab lange überlegt, was ich schreiben soll. Am Ende hab ich’s einfach gehalten:
„Debe de ser un proyecto enorme. ¿Era el pueblo de tu familia? Yo estoy bien, gracias.“
Übersetzt: Das muss ein riesiges Projekt sein. War das das Dorf deiner Familie? Mir geht’s gut, danke.
Hab extra nicht mehr geschrieben. Dass alles gerade Scheiße ist – Kredit, Stille von Anna im Fenster heute Abend, der Gedanke an den Sommer, wo alle wegfahren und ich hier sitze –, das muss er nicht wissen. Würd ihn wahrscheinlich auch nicht interessieren. Der Typ baut ’nen Turm in Aragon wieder auf, filmt Sonnenuntergänge und Wanderstiefel, während ich hier Nudeln mit Restsoße esse und auf die nächste Rate warte. Passt nicht zusammen. Trotzdem hab ich’s abgeschickt. Und jetzt starr ich alle zehn Minuten aufs Handy, als wär ich 16. Lächerlich.
Matthias hat mir heute wieder was gebracht – diesmal ’nen Apfel aus der Kantine. „Für Vitamine“, hat er gesagt und ist gleich weiter. Ich hab „danke“ gemurmelt und ihn in die Tasche gesteckt. Hab ihn noch nicht gegessen. Vielleicht morgen. Sandra hat wieder zugezwinkert, als wär’s ’ne Verschwörung. Ich hab nur die Augen verdreht.
Anna hab ich heute nicht gesehen. Fenster dunkel, kein Winken. Vielleicht hat sie Spätschicht oder ist bei ihrer Schwester oder was weiß ich. Fühlt sich komisch an, wenn sie nicht da ist. Als ob das Ritual fehlt.
Der Tisch glänzt noch feucht vom Abwischen. Ich lass ihn so. Morgen wieder Bus, vielleicht seh ich sie. Vielleicht jogge ich mal probeweise oder ich antwortet Sergio. Vielleicht auch nicht.
Aber ich hab Zumba verlängert. Und ich hab geschrieben. Das reicht für heute.
Isabella
