Zwei Monate ohne Konsum – und trotzdem glücklich
3. März 2025
Dienstag, 21:00 Uhr, Küche
Zwei Monate sind vorbei.
Zwei Monate ohne Netflix, ohne Pizza am Freitag, ohne den Kaffee to go, ohne alles, was früher „kleine Belohnung“ hieß und am Ende nur Löcher ins Konto gefressen hat. Der Dispo ist runter auf 1420 €. Das sind fast 800 € weniger seit Neujahr. Klingt nicht nach viel, wenn man’s so sagt. Aber für mich fühlt es sich an wie ein kleines Wunder. Ich hab fast kein Geld ausgegeben. Und verhungert bin ich nicht. Im Gegenteil.
Mir macht das Kochen Spaß. Richtig Spaß. Hab mir zwei Kochbücher gekauft – gebraucht, über Kleinanzeigen, zusammen 9 €. Eins ist so ein altes mit bunten Fotos aus den 90ern („Kochen für Singles“), das andere ist modern, vegetarisch, mit Zutaten, die man im Aldi kriegt. Hab schon drei Rezepte ausprobiert: Linsencurry (immer noch Favorit), eine Kürbissuppe mit Ingwer und eine Ofengemüse-Pfanne mit Halloumi. Gestern hab ich sogar Brot gebacken. Einfaches No-Knead-Brot, das die ganze Wohnung nach Hefe und Kruste gerochen hat. Hab’s noch warm gegessen, mit Butter und Salz. War besser als jede Bäckertüte.
Die Tage sind schon wieder heller und länger. Wenn ich um halb sechs aus dem Büro komme, ist es nicht mehr stockdunkel. Die Straßenlaternen gehen später an, der Himmel hat so einen blassen Lavendelton, bevor’s richtig Nacht wird. Ich lauf manchmal ein Stück zu Fuß, statt direkt in die Bahn zu steigen. Nur so. Weil’s sich anfühlt, als würde die Welt wieder atmen.
Das Fenster ist immer noch nackt.
Die Gardine liegt seit Januar im Müll. Ich hab nie neue gekauft. Zu teuer. Zu viel Aufwand. Die Nachbarn von gegenüber gucken mir jeden Abend aufs Sofa. Manchmal wink ich sogar, wenn ich sie seh – die Frau mit den Lockenwicklern, der Mann mit der Bierflasche. Sie winken zurück. Wir kennen uns nicht, aber wir kennen uns. Ist irgendwie komisch tröstlich.
Ich sitz hier, der letzte Rest Kürbissuppe im Topf, das Kochbuch aufgeschlagen bei „Ratatouille im Ofen“. Der Tee dampft, das Licht ist warm, und draußen fährt der Bus vorbei.
Zwei Monate.
Ich hab’s geschafft.
Nicht perfekt. Nicht ohne Tränen. Nicht ohne Tage, an denen ich dachte: Scheiß drauf, ich bestell jetzt was.
Aber ich hab’s nicht gemacht.
Und das ist mehr, als ich vor drei Monaten von mir erwartet hätte.
Morgen ist Mittwoch.
Vielleicht ruf ich nächste Woche bei der Genossenschaft an und frag, ob sich was tut.
Vielleicht nicht.
Aber heute Abend schmeckt die Suppe nach mir.
Und das Fenster ist nackt, aber offen.
