Zehn Sekunden Nähe – ein Gespräch an der Bushaltestelle
3. Juni 2025
Dienstag, 07:10 Uhr, Bushaltestelle (der Wind pfeift durch die Ritzen der Wartehäuschen-Scheibe, Thermobecher in der Hand, Kaffee schon lauwarm)
Ich komm um die Ecke, noch halb im Halbschlaf, und seh erst nur die graue Strickjacke. Die mit den dicken Zöpfen, die immer ein bisschen fusselt. Und dann erkenn ich sie: die Frau von gegenüber. Steht da, guckt auf ihr Handy, dann hoch zu mir. Unsere Blicke treffen sich, und sie lächelt. So richtig, mit Augenfalten und allem.
„Guten Morgen“, sagt sie, als wär’s das Normalste der Welt.
„Morgen“, krieg ich raus, ein bisschen heiser vom Schlafen.
Sie mustert mich kurz, von oben bis unten, nicht unfreundlich, eher neugierig. Dann sagt sie: „Sie sind größer, als ich gedacht hab.“
Ich lach leise, mehr so’n Schnauben. „Ja, das Sofa frisst mich immer. Wenn ich drin versink, seh ich von draußen aus wie ’ne Zwergin.“
Sie lacht auch, kurz und hell, und nickt, als wüsste sie genau, was ich meine. „Das kenn ich. Mein Sessel hat auch schon bessere Tage gesehen.“
Dann kommt der Bus. Die Türen gehen zischend auf, wir steigen ein, ohne groß zu quatschen. Sie setzt sich zwei Reihen vor mir, ich hinten ans Fenster. Bevor der Bus losfährt, dreh ich mich nochmal um und sag: „Tschüss.“ Sie dreht sich auch um, hebt die Hand ein bisschen und sagt: „Tschüss.“
Und das war’s. Kein Name, kein „wie heißen Sie denn?“, kein „wohin geht’s?“. Nur zwei Frauen, die sich seit Monaten durch zwei Fenster zuwinken, und jetzt plötzlich dieselbe Bushaltestelle, denselben Bus, denselben Morgen teilen. Ich hab den ganzen Weg zur Arbeit nur aus dem Fenster geguckt und gedacht: Das war’s eigentlich schon. Ein richtiges Gespräch. Zehn Sekunden. Und es hat sich angefühlt, als wär da jemand, der mich nicht nur als Schatten am Fenster sieht.
Der Kaffee ist kalt geworden. Aber ich hab trotzdem getrunken. Weil’s sich richtig angefühlt hat.
Jetzt sitz ich im Büro, der Busgeruch hängt noch in den Klamotten, und ich frag mich, ob sie auch manchmal an mich denkt. Oder ob sie einfach nur nett ist. Wahrscheinlich beides.
Vielleicht wink ich heute Abend extra lange.
Isabella
