Entscheidungen: Wenn es Zeit wird, das eigene Leben zu verändern
Irgendwann ist genug
Manchmal denkt man lange über eine Veränderung nach. Man wägt ab, rechnet nach, verwirft Ideen und sucht nach Alternativen. Man redet mit anderen, hofft auf Besserung und sagt sich, dass es vielleicht doch noch irgendwie gehen wird.
Bis irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem man sich eingestehen muss: So kann es nicht weitergehen.
Bei mir ist dieser Punkt inzwischen erreicht.
Wenn ich richtig rechne, bin ich im kommenden November bereits seit sechs Jahren als Callcenter-Agentin für unterschiedliche Unternehmen im Einsatz. Sechs Jahre, in denen ich funktioniert habe. Sechs Jahre, in denen ich mir die Beschwerden, den Ärger und die Frustration anderer Menschen angehört habe.
Denn häufig bin ich am Telefon nicht diejenige, die ein Problem tatsächlich lösen kann. Ich bin vielmehr diejenige, bei der sich der Ärger entlädt. Die Kunden sind frustriert, und ich bekomme ihren Frust ab, obwohl ich für viele der Ursachen überhaupt nichts kann.
Gleichzeitig habe ich kaum Möglichkeiten, den Menschen wirklich nachhaltig zu helfen. Meine Befugnisse sind begrenzt, die Abläufe vorgegeben und die Spielräume klein. Auch beruflich komme ich nicht voran. Weiterentwicklung? Fehlanzeige.
Lange Zeit habe ich das alles ausgehalten. Ich habe meine Arbeit gemacht, zuverlässig und gewissenhaft. Ich habe funktioniert.
Aber funktionieren ist nicht dasselbe wie leben.
Wenn die Arbeit mehr nimmt, als sie gibt
Inzwischen belastet mich nicht nur der Umgang mit den Kunden. Dazu kommt eine chronische Unterforderung, die sich für mich immer mehr wie ein Bore-out anfühlt. Ich habe Fähigkeiten, Interessen und Ideen, aber im Berufsalltag kann ich davon kaum etwas einsetzen.
Das Homeoffice, das für andere ein Segen sein mag, empfinde ich zunehmend als isolierend. Der Kontakt zu den Kollegen ist begrenzt, der Alltag spielt sich weitgehend allein vor dem Bildschirm ab. Und am Ende des Monats steht eine Vergütung auf dem Konto, die nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt.
Ich gebe meine Zeit und meine Energie her, aber ich bekomme dafür weder die berufliche Perspektive noch die Anerkennung oder die finanzielle Sicherheit, die ich mir wünschen würde.
Natürlich habe ich versucht, etwas zu verändern. Ich habe wiederholt ausführlich mit meinen Teamleitern gesprochen. Ich habe erklärt, was mich belastet und was sich ändern müsste.
Doch diese Gespräche haben nichts bewirkt.
Irgendwann muss man akzeptieren, dass man nicht jede Situation von innen heraus verbessern kann. Manchmal liegt es nicht daran, dass man sich nicht genug bemüht. Manchmal sind die Möglichkeiten schlicht ausgeschöpft.
Und dann stellt sich eine andere Frage: Wie lange will ich noch darauf warten, dass sich etwas ändert, wenn ich selbst längst weiß, dass ich so nicht weitermachen möchte?
Eine Entscheidung ist gefallen
Ich habe wochenlang nachgedacht. Ich habe Möglichkeiten durchgespielt, Konsequenzen abgewogen und mich gefragt, ob ich diesen Schritt tatsächlich gehen kann.
Inzwischen steht meine Entscheidung fest: Ich werde meinen derzeitigen Arbeitsplatz verlassen.
Nicht morgen. Nicht überstürzt und auch nicht aus einer spontanen Laune heraus.
Ich werde meine Arbeit bis zum Ende des Juni 2027 fortführen und die Zusammenarbeit dann beenden. Ich möchte diesen Abschnitt meines Berufslebens geordnet abschließen und mir genügend Zeit geben, mich auf das vorzubereiten, was danach kommen soll.
Das bedeutet nicht, dass ich bereits auf jede Frage eine Antwort habe. Ich weiß nicht, ob alles so funktionieren wird, wie ich es mir vorstelle. Ich kenne die finanziellen Herausforderungen und weiß, dass Freiheit allein noch keinen Lebensunterhalt bezahlt.
Aber ich weiß inzwischen auch, was es mich kostet, in einer Situation zu bleiben, die mich dauerhaft unglücklich macht.
Diese Erkenntnis verändert etwas.
Seit meine Entscheidung feststeht, geht es mir tatsächlich besser. Nicht, weil sich meine berufliche Situation bereits verändert hätte. Ich sitze nach wie vor am selben Arbeitsplatz und erledige dieselben Aufgaben.
Aber ich habe wieder eine Perspektive.
Ich muss nicht mehr jeden Morgen so tun, als wäre das hier einfach mein Leben, mit dem ich mich für die nächsten Jahre abfinden muss. Ich weiß, dass dieser Abschnitt ein Ende haben wird.
Und manchmal reicht genau das, um wieder ein wenig Luft zu bekommen.
Was kommt danach?
Wenn ich an die Zeit nach Juni 2027 denke, sehe ich nicht unbedingt einen ausgefeilten Karriereplan. Ich sehe vielmehr Dinge, für die in meinem bisherigen Alltag viel zu wenig Platz geblieben ist.
Ich möchte wandern. Richtig wandern. Die Natur erleben, unterwegs sein, Landschaften entdecken und die Weite genießen, die im Alltag zwischen Bildschirm, Telefon und vier Wänden so oft fehlt.
Ich möchte darüber schreiben. Auf meinem Blog, die60erin.de, möchte ich von meinen Erfahrungen erzählen, von den kleinen Entdeckungen und den großen Fragen des Lebens. Vielleicht produziere ich auch wieder Videos. Ich habe Ideen genug, und es wäre schön, ihnen endlich mehr Raum geben zu können.
Und dann ist da noch das Schreiben.
Isabella wartet bereits darauf, dass ihre Geschichte weitergeht. Figuren, Szenen und Gedanken begleiten mich ohnehin ständig. Es gibt Geschichten, die erzählt werden wollen, und ich möchte mir die Zeit nehmen, sie aufzuschreiben.
Im Hintergrund lebt außerdem ein Traum, der mich schon länger begleitet: meine eigene Villa Rosalia. Ein Ort, an dem ich mir ein anderes Leben vorstellen kann. Ein Traum, der vielleicht eines Tages Gestalt annimmt oder sich unterwegs noch einmal verändert.
Ich weiß nicht, welcher dieser Wünsche sich verwirklichen lässt. Vielleicht wird manches ganz anders kommen. Vielleicht muss ich meine Vorstellungen an die Wirklichkeit anpassen.
Aber ich möchte es wenigstens versuchen.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben
Natürlich wäre es bequemer, alles beim Alten zu lassen. Ein Arbeitsplatz, ein regelmäßiges Einkommen, eine gewisse Planbarkeit: Das sind keine Kleinigkeiten. Gerade dann nicht, wenn man finanziell keine großen Reserven hat.
Eine Entscheidung wie meine ist deshalb kein romantischer Aufbruch in ein sorgenfreies Leben. Sie ist ein Schritt, der gut vorbereitet werden muss. Ich werde rechnen, planen und mir überlegen müssen, wie ich meine Zukunft finanziell absichern kann.
Doch Sicherheit hat mehr als eine Seite.
Es gibt die Sicherheit eines regelmäßigen Gehalts. Und es gibt die Frage, wie viel Kraft, Lebensfreude und Zeit man bereit ist, dafür aufzugeben.
Ich möchte nicht eines Tages feststellen, dass ich so lange auf den richtigen Zeitpunkt gewartet habe, bis mir die Energie für meine eigenen Pläne fehlt.
Vielleicht ist es nicht mutig, einen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben. Vielleicht ist es auch einfach notwendig, die eigenen Bedürfnisse endlich ernst zu nehmen.
Für mich fühlt es sich jedenfalls richtig an, diese Entscheidung getroffen zu haben.
Ob es gelingt, wird sich zeigen
Ich habe keinen Beweis dafür, dass mein Plan funktionieren wird. Ich kann nicht versprechen, dass ich nach meinem letzten Arbeitstag glücklich und sorgenfrei sein werde. Das wäre vermessen.
Aber ich weiß, dass ich etwas verändern muss.
Ich möchte nicht länger nur meine Arbeitszeit überstehen und darauf warten, dass irgendwann ein besseres Leben beginnt. Ich möchte selbst etwas dafür tun, dass meine Tage wieder mehr von dem enthalten, was mir wichtig ist.
Vielleicht wird es schwierig. Vielleicht werde ich zweifeln. Vielleicht muss ich Umwege gehen und Pläne ändern.
Das gehört dazu.
Die Entscheidung ist gefallen. Jetzt habe ich Zeit, die nächsten Schritte vorzubereiten.
Und allein das fühlt sich bereits nach einem Anfang an.
Ob es gelingt, steht nicht fest. Aber versuchen muss ich es.

Liebe Andrea,
kann ich alles nachvollziehen. Ging mir vor 5 Jahren genauso. Ich war auch an dem Punkt, an dem ich mich gefragt habe: Muss ich mir das wirklich noch antun? Und was macht es mit mir?
Und ich habe auch so entschieden. Raus aus der Tretmühle – rein ins andere Leben. Wichtig finde ich, was Du schreibst: Du hast jetzt genug Zeit, Dein neues Leben vorzubereiten. Und es wird nicht alles nach Plan verlaufen. Das macht aber nichts. Manche Wege erschließen sich erst, wenn man sie geht.
Liebe Grüße
Britta
Guten Morgen, Britta!
Die Entscheidung hat sich seit einiger Zeit angebahnt. Der erste Dominostein ist gefallen, als ich von meinem Teamleiter mit einer Abmahnung bedroht wurde. In dem Moment habe ich schon innerlich gekündigt.
Mein Leben ist mehr wert, als in einem Job zu versauern.
Viele Grüße
Andrea