Das Leben ist ein Abenteuer – und gerade fühlt es sich ziemlich verfahren an
Man sagt ja so schön: Das Leben ist ein Abenteuer. Klingt mitreißend, nach Aufbruch, nach großen Geschichten. In Wirklichkeit bedeutet es meistens: nichts ist vorhersehbar, die Wege machen merkwürdige Schleifen, und sehr lange Strecken führt scheinbar nirgendwohin. Man läuft einfach, weil man läuft. Und irgendwann fragt man sich, ob der ganze Marsch überhaupt einen Sinn hatte.
Heute Morgen habe ich etwas gemacht, das sich gleichzeitig wie Befreiung und wie kleiner Tod angefühlt hat. Ich habe die Manuskriptdateien gelöscht. Endgültig. Kein Verstecken mehr in einem „vielleicht-später“-Ordner, kein heimliches Wiederherstellen aus dem Papierkorb. Weg. Isabella, Sergio und Elena – die Figuren, die mich jahrelang begleitet haben – existieren jetzt nur noch als blasse Erinnerung in meinem Kopf.
Warum? Weil ich es einfach nicht hingekriegt habe. Jahre habe ich an diesem Roman gearbeitet. Jahre, in denen ich mich gefragt habe, warum die Sätze nie so klingen wollten, wie sie in meinem Inneren klangen. Warum die Figuren steif blieben, die Dialoge hölzern, die Spannungsbögen einfach nicht trugen. Ich habe gelesen, umgeschrieben, Lektoren um Rat gefragt, nochmal umgeschrieben – und am Ende stand da immer noch etwas, das ich selbst nicht mehr ertragen konnte. Ein unlesbarer, verkrampfter Text.
Die fehlende Resonanz hat den Rest erledigt. Keine Rückmeldungen, keine begeisterten Nachrichten, kaum Likes, kaum Kommentare. Die Stille war lauter als jede Kritik. Irgendwann musste ich mir eingestehen: Vielleicht bin ich einfach keine gute Autorin. Zumindest keine, die diesen einen Roman zu Ende bringen kann, der all meine Energie gefressen hat.
Und jetzt? Leere. Eine sehr konkrete, digitale Leere auf der Festplatte und eine noch größere in mir. Was macht man, wenn das Projekt, das man jahrelang als „meine Berufung“ bezeichnet hat, plötzlich nur noch ein schmerzhafter Ballast ist?
Was bleibt, ist das echte Leben – das kleine, unspektakuläre, aber verdammt verpflichtende. Da ist mein uralter Hund. Fünfzehn Jahre, fast blind, arthritisch, aber immer noch mit diesem Blick, der sagt: „Du gehst nirgendwohin ohne mich.“ Morgens um fünf stehe ich auf, weil er raus muss. Ich koche sein Spezial-Hühnchen-Reis-Matsch, damit er überhaupt noch frisst. Ich hebe ihn ins Taxi, wenn der Tierarzt ruft. Er ist der wichtigste Grund, warum ich nicht einfach alles stehen und liegen lasse.
Dann ist da der Job. Unbefriedigend, monoton, aber pünktlich zahlend. Jeden Morgen der gleiche Weg an den Schreibtisch im Homeoffice, die gleichen Gespräche, die gleichen Excel-Tabellen. Es fühlt sich an wie ein Wartesaal, in dem man nie aufgerufen wird.
Und darunter pulsiert diese eine Stimme, die immer lauter wird: Weg. Einfach abhauen. Alles hinschmeißen. Irgendwohin, wo niemand meinen Namen kennt, wo niemand fragt, was aus dem Roman geworden ist. Ein kleines Haus am Meer, ein Van, ein Zugticket nach Nirgendwo – Hauptsache raus aus diesem Hamsterrad.
Nur: Abhauen kostet Geld. Und Geld habe ich nicht. Ohne Moos nix los, wie der Volksmund so treffend sagt. Also bleibe ich. Gehe weiter arbeiten. Versorge den Hund. Zahle Rechnungen. Warte.
Manchmal frage ich mich, ob das schon das Abenteuer ist – dieses stumpfe Durchhalten. Vielleicht ist das wahre Abenteuer nicht der große Aufbruch, sondern die Fähigkeit, nicht aufzugeben, obwohl alles in einem schreit: „Gib auf!“ Vielleicht ist es abenteuerlich, weiterzumachen, obwohl die Träume zerbrochen sind. Vielleicht ist es mutig, einen alten Hund zu lieben, auch wenn er jeden Tag ein Stück weniger wird.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich heute Morgen die Dateien gelöscht habe und dass ich heute Abend wieder mit dem Hund rausgehen werde. Dass ich morgen wieder arbeiten werde. Und dass ich irgendwie – trotz allem – noch hier bin.
Manchmal ist das schon viel. Vielleicht sogar genug.


