Tya im Wohnzimmer
Tya

Ein Husky und fünfzehn Jahre

Meine Hündin Tya kam im Alter von achtzehn Monaten zu mir. Ein Angsthund, der sich buchstäblich vor dem eigenen Schatten fürchtete. Es dauerte lange, aber sie wurde selbstbewusster und fing an ihr neues Leben zu genießen.

Seit dem sind viele Jahre ins Land gegangen und wir haben einige Abenteuer erlebt. Tya ist nun ein sehr alter Hund, der allmählich gebrechlich wird. Die Gelenke machen Probleme, sie hat eine sichtbare Linsentrübung, sie verändert sich charakterlich. Zum Beispiel ist sie extrem impulsiv. Ein zu Beginn entspannter Spaziergang kann schnell zum Sturz führen, wenn sie mal wieder beschließt vor mir die Seite zu wechseln oder ohne Vorwarnung die Straße queren zu wollen. Abends zeigt sie eine extreme Unruhe, mit der sie mich manchmal zur Verzweiflung treibt. Ich arbeite als Callcenter-Tante im Homeoffice, damit Tya versorgt ist. Nach Feierabend fällt es mir oft schwer abzuschalten. Wenn Tya permanent durch die Wohnung wuselt und hechelt, schaffe ich das überhaupt nicht. Manchmal muss ich sie dann ins abgedunkelte Schlafzimmer schicken, damit sie sich beruhigt und ich durchatmen kann.

Aber dann hat sie wieder Tage, an denen sie sich wie ein Hund im besten Alter verhält. Sie läuft freudig, fordert andere Hunde zum Spielen auf und verlangt nach einem langen Spaziergang durch Bärendorf. Ja, der Ortsteil heißt wirklich so.

Dabei hat Tya mir in der Vergangenheit so viel gegeben. Als mein Leben komplett aus den Fugen geriet, war sie es, die mir einen Grund gab, morgens aufzustehen. Wir haben uns gegenseitig gerettet, auf unsere Weise – die ängstliche Hündin, die vor ihrem eigenen Schatten floh, und ich, die selbst gerade am Boden war. Sie brauchte jemanden, der ihr die Welt zeigte. Ich brauchte jemanden, der mich brauchte.

Das alles ist ziemlich normal bei einem so alten Hund. Dennoch rückt der endgültige Abschied jeden Tag näher. Die Uhr tickt unerbittlich. Und das ist das Schlimmste.

Ich weiß nicht, wie lange wir noch haben. Gute Tage, schlechte Tage – ich nehme sie, wie sie kommen. Manchmal schicke ich sie ins abgedunkelte Schlafzimmer, damit wir beide zur Ruhe kommen. Manchmal laufen wir durch Bärendorf und ich staune, wie viel Leben noch in ihr steckt.

Wir machen weiter. Tag für Tag. Mehr kann ich nicht tun.

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