Leseprobe – Isabella Hartmann
Ein Tagebuch
11. Januar 2025
Samstag, 22:00 Uhr, Bett, frisch bezogen
Hab heute nur das Nötigste gemacht. Gesaugt, bis der Staubsauger wieder rumgejault hat wie ein kranker Hund. Bad geputzt, Spiegel blank, Fliesen nass gewischt, sogar die Fugen mit alter Zahnbürste bearbeitet, weil der Schimmel da schon wieder schwarz wurde. Danach einkaufen: Linsen, Kokosmilch, Zwiebeln, Knoblauch, Currypaste aus dem Glas, Reis. Hab Linsencurry gekocht, scharf, mit viel Koriander aus der kleinen Plastikpackung. Es riecht gut. Schmeckt auch gut. Ich ess allein am Küchentisch, Licht aus, nur die kleine Lampe über der Spüle. Kein Fernseher. Kein Handy. Nur ich und der Löffel.
Dann bin ich ins Wohnzimmer gegangen. Die Gardine hing immer noch schief, ein Dübel halb raus, der Stoff vergilbt, als hätte er zwanzig Jahre geraucht. Ich hab sie angeguckt und plötzlich so eine Wut gekriegt, dass mir die Hände gezittert haben. Hab einfach gezogen. Ritsch. Der ganze Vorhang runter, Stange mitgekommen, Putz rieselt von der Wand, ein Stück Tapete gleich mit. Hab’s auf den Boden geschmissen, draufgetreten, noch mal gezogen, bis alles in einem Haufen lag.
Ich hasse diese Bruchbude. Ich hasse sie so sehr, dass ich heulen könnte. Nicht traurig heulen. Wutheulen. Weil alles kaputt ist und ich trotzdem hier festhänge. Weil ich 1800 netto hab und trotzdem nur Löcher in der Wand stopfen kann, wenn ich will. Weil die Genossenschaft ein Jahr oder länger braucht und ich in der Zwischenzeit weiter in diesem Loch sitze und so tue, als wär das Leben.
Bin früh ins Bett gegangen. Frisch bezogen, riecht nach Waschmittel und nichts nach ihm. Handy raus, endlos gescrollt. Und da wieder der Spanier. Ein Reel. Er sitzt auf einer Terrasse, Abendlicht, Wein im Glas, spricht in die Kamera. Die Stimme hat was. Tief, ruhig, ein bisschen rau, als würde er direkt mit einem reden. Versteh kein Wort. Spanisch. Aber ich hör zu. Immer wieder abspielen. Die Art, wie er lacht, wie er die Hand durchs Haar fährt, wie er den Wein kippt und dann in die Ferne guckt.
Ich leg das Handy weg, bevor ich’s mir noch mal anhör. Weil’s wehtut. Weil er da draußen lebt und ich hier drin. Weil ich mir vorstelle, wie’s wäre, wenn jemand mit so einer Stimme sagen würde: „Komm, Isa, lass uns woanders hingehen.“
Aber niemand sagt das. Nur der Wind pfeift durchs undichte Fenster. Und die Gardine liegt immer noch auf dem Boden wie ein toter Vogel.
Morgen ist Sonntag. Vielleicht räum ich den Haufen weg. Vielleicht lass ich ihn liegen. Vielleicht koch ich wieder was Gutes. Vielleicht ruf ich endlich bei der VHS an.
Oder ich lieg einfach hier und hör mir die Stimme noch mal an. Nur die Stimme. Ohne zu verstehen.
Isabella


