Tagebuch – Tag 1
24. November 2024
Sonntagabend, halb elf, immer noch derselbe Küchenstuhl
Ich sitze hier mit ’nem Glas von dem billigen Rotwein, den Sebastian immer „untrinkbar“ genannt hat, und starre auf die leere Stelle, wo sein grauer Koffer immer gestanden hat. Der Fleck an der Wand ist immer noch da, wo er mal mit dem Schuh gegen gestoßen ist, als er zu schnell zur Arbeit wollte. Ich hab nie was dagegen gesagt. Jetzt guckt mich der Fleck an wie ’ne stumme Anklage.
Heute war der erste Tag, an dem ich wirklich kapiert hab, dass er nicht mehr zurückkommt. Nicht mal zum Streiten. Nicht mal, um mir Vorwürfe zu machen, dass ich schon wieder nur bis halb sechs im Büro gehockt hab und dann auf der Couch eingepennt bin. Er meinte, so werde ich nie was. Ich soll Sport machen. Andere schaffen das locker.
Ich hab versucht, mich abzulenken. Hab den Fernseher angemacht, irgendeine Dating-Show, wo alle aussehen, als hätten sie noch nie ’nen Kater gehabt, mit einem Makeup, das um Mitternacht noch perfekt ist und alle mit weißen Zähnen. Dann hab ich geheult, weil die eine Frau gesagt hat: „Ich will jemanden, der mich herausfordert.“ Und ich dachte: Mich hat er auch herausgefordert. Jeden verdammten Tag. Nur andersrum. Er hat mich herausgefordert, endlich mal was zu wollen. Und ich hab immer nur „ja, irgendwann“ gesagt.
Jetzt ist irgendwann vorbei. Draußen fährt der letzte Bus.
Ich hab heute Nachmittag meine Bewerbungsunterlagen von 2023 rausgekramt. Die, wo ich Abitur nachmachen sollte. Da steht noch seine Handschrift am Rand: „Du schaffst das, Isa. Versprochen.“ Daneben hat er so ’nen kleinen Smiley gemalt, der heute aussieht wie ’ne Fratze.
Ich hab die Mappe wieder zugemacht und in den untersten Schrank gestopft, hinter die Töpfe, die ich eh nie benutze. Vielleicht fault sie da vor sich hin, so wie ich.
Weißt du, was das Schlimmste ist? Dass ich ihm nicht mal richtig böse sein kann. Er hat ja recht. Gelsenkirchen ist klein. Ich bin klein. Und zusammen waren wir anscheinend winzig.
Manchmal stell ich mir vor, wie er jetzt in London in so ’nem schicken Loft sitzt, mit Blick auf die Themse, und denkt: „Gut, dass ich raus bin.“ Und dann fragt er sich vielleicht zwei Sekunden lang, was ich gerade mache. Und dann scrollt er weiter auf LinkedIn.
Ich hasse es, dass ich mir das vorstelle. Ich hasse es noch mehr, dass es wahrscheinlich stimmt.
Morgen muss ich wieder um 7:45 im Büro sein. Frau Meier fragt bestimmt wieder, ob alles okay ist, weil meine Augen so rot sind. Ich sag dann „Heuschnupfen“, obwohl November ist und draußen alles grau und tot.
Vielleicht sollte ich wirklich mal was ändern. Nicht für ihn. Nicht mal für mich. Einfach, damit ich aufhöre, mich so erbärmlich zu fühlen.
Aber heute reicht’s mir schon, dass ich das hier aufschreibe. Das ist schon mehr, als ich die letzten drei Jahre hingekriegt hab.
Gute Nacht, Tagebuch. Oder was auch immer du bist.
Isabella