Vom Überleben zum Leben

Warum ich mir den kleinen Genuss zurückhole

Die letzten Jahre waren hart. Es gab lange Phasen, in denen ich mich jeden Monat wieder fragte, ob das Geld überhaupt reicht. Es ging nicht einmal um Luxus, sondern um ein Stück Kuchen im Café, ein Eis oder ein besseres Kleidungsstück.

Wer lange finanziell kämpfen musste, entwickelt Gewohnheiten. Man kauft nur das Nötigste. Man überlegt dreimal, bevor man zehn Euro ausgibt. Wünsche werden auf später verschoben oder kurzerhand zum verzichtbaren Luxus erklärt. Irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass aus Sparsamkeit Verzicht geworden ist.

Meine Lage ist auch heute nicht einfach. Ich muss weiterhin rechnen und genau überlegen, wofür ich mein Geld ausgebe. Trotzdem erlaube ich mir inzwischen wieder kleine Dinge, die mir guttun.

Ich koche mir Pollo con Aceitunas und trinke ein Glas Somontano dazu. Davon werde ich nicht ärmer.

Bezahlt wird dieser kleine Genuss allerdings immer noch mit einem schlechten Gewissen. Dann meldet sich Otto, mein innerer Kritiker. Er rechnet mir vor, dass der Wein zwölf Euro gekostet hat und das Essen vier Euro über dem geplanten Budget lag.

Otto ist gut im Rechnen.

Veränderungen

Ich lerne gerade, besser im Leben zu werden.
Natürlich bin ich nicht über Nacht reich geworden. Ich muss immer noch gut auf mein Geld aufpassen.
Aber ich arbeite daran.

Ich muss mir ein gutes Essen nicht mehr schlechtreden.
Ein Glas Somontano am Sonntag macht mich nicht arm.
Frische Kräuter auf dem Balkon sind kein Luxus.
Ein gutes Buch ist keine Geldverschwendung.

Und da ist noch dieser kleine Floh im Ohr: Ich möchte nicht länger auf bessere Zeiten warten, um mir ein Stück Lebensfreude zu gönnen.

Ich werde wahrscheinlich nie zu den Menschen gehören, die spontan ein Wochenende in Paris buchen oder sich alle zwei Jahre ein neues Auto kaufen.

Das muss ich auch gar nicht.

Aber ich möchte wieder sagen können:

Heute koche ich etwas Besonderes.
Ich sitze heute mit einem Glas Wein auf dem Balkon.
Heute genieße ich den Abend.
Nicht, weil ich reich geworden bin.

Sondern weil ich aufgehört habe, mir jeden kleinen Genuss zu verbieten.

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