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Leseprobe – Isabella Hartmann
Ein Tagebuch 11. Januar 2025 Samstag, 22:00 Uhr, Bett, frisch bezogen Hab heute nur das Nötigste gemacht. Gesaugt, bis der Staubsauger wieder rumgejault hat wie ein kranker Hund. Bad geputzt, Spiegel blank, Fliesen nass gewischt, sogar die Fugen mit alter Zahnbürste bearbeitet, weil der Schimmel da schon wieder schwarz wurde. Danach einkaufen: Linsen, Kokosmilch, Zwiebeln, Knoblauch, Currypaste aus dem Glas, Reis. Hab Linsencurry gekocht, scharf, mit viel Koriander aus der kleinen Plastikpackung. Es riecht gut. Schmeckt auch gut. Ich ess allein am Küchentisch, Licht aus, nur die kleine Lampe über der Spüle. Kein Fernseher. Kein Handy. Nur ich und der Löffel. Dann bin ich ins Wohnzimmer gegangen. Die Gardine hing…
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Das Leben ist ein Abenteuer – und gerade fühlt es sich ziemlich verfahren an
Man sagt ja so schön: Das Leben ist ein Abenteuer. Klingt mitreißend, nach Aufbruch, nach großen Geschichten. In Wirklichkeit bedeutet es meistens: nichts ist vorhersehbar, die Wege machen merkwürdige Schleifen, und sehr lange Strecken führt scheinbar nirgendwohin. Man läuft einfach, weil man läuft. Und irgendwann fragt man sich, ob der ganze Marsch überhaupt einen Sinn hatte. Heute Morgen habe ich etwas gemacht, das sich gleichzeitig wie Befreiung und wie kleiner Tod angefühlt hat. Ich habe die Manuskriptdateien gelöscht. Endgültig. Kein Verstecken mehr in einem „vielleicht-später“-Ordner, kein heimliches Wiederherstellen aus dem Papierkorb. Weg. Isabella, Sergio und Elena – die Figuren, die mich jahrelang begleitet haben – existieren jetzt nur noch als…
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Lerne zu warten ohne wahnsinnig zu werden – Teil 4: Social Media
Ich habe heute Social Media den Rücken gekehrt. Mein Account https://x.com/die60erin_de ist Geschichte. Warum? Ich habe keine Lust und Geduld mehr gegen einen übermächtigen Algorithmus anzukämpfen, der kleine Accounts gnadenlos unterdrückt. Nach Wochen und Monaten werden meine Beiträge nicht einmal meinen Followern angezeigt, ab und zu kommt ein Like, aber niemand antwortet. Schluss mit der Energieverschwendung! Die nutze ich lieber, um mein Leben zu verbessern, meinen Roman weiterzuschreiben und mich um meinen Hund zu kümmern. Ich brauche keine verzweifelten Postingaktionen, die niemanden erreichen. Dazu kommen die Themen Datenschutz, Desinformation, Hass und Hetze. FB, Instagram und andere Plattformen sind da nicht besser. Ich überlege ernsthaft meinen Instagramaccount ebenfalls zu löschen. WhatsAPP?…
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Warten lernen (ohne wahnsinnig zu werden) – Teil 3: Hope dies last
Lange Zeit war ich felsenfest überzeugt, dass in meinem Leben ohnehin nicht Gutes mehr passiert. Ich war 2017 in meine Wohnung eingezogen und besaß buchstäblich nur noch eine Luftmatratze, einen Schlafsack, ein wenig Kleidung und meinen Hund natürlich. Ich war am Rande der Verzweiflung. Meine Lebensträume waren geschmolzen wie Eis in der Sonne. Ich war zerbrochen. Das war es jetzt, dachte ich. Es bedurfte mehrerer Anläufe wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Aber auch die waren kein Weg aus der Armut. Dann kam der November 2020. Ich begann in einem Callcenter zu arbeiten. Der Lohn damals war mau, die Miete aber noch deutlich geringer und das Leben im allgemeinen…
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Sanluz de Montarroyo
Die Geschichte Gestern Abend habe ich wieder an meinem Text gearbeitet, in dem Sanluz de Montarroyo nur eine Idee ist. Es ist komisch, aber genau das hält mich momentan zusammen. Ich habe den alten Romanentwurf komplett gelöscht – alles, was ich in den letzten anderthalb oder zwei Jahren geschrieben hatte. Weg. Ein ganzer Ordner einfach in den Papierkorb gezogen und geleert. Befreiend und gleichzeitig wie ein kleiner Tod. Jetzt fange ich neu an, und diesmal ist es ein Tagebuch. Nicht meins, sondern das von Isabella Hartmann. Sie ist aus Gelsenkirchen, 27 vielleicht, arbeitet in irgendeinem Callcenter oder einer kleinen Buchhaltungsfirma, trinkt zu viel Kaffee und hat gerade jemanden verloren –…
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Ein positiver Tagesbeginn
Heute ist Sonntag und Tya hat mich kurz vor halb sechs Uhr geweckt. Wenigstens durfte ich noch einen ersten Kaffee trinken, bis wir unsere erste Runde durch Bärendorf gemacht haben. Es war noch dunkel und der Vollmond stand noch hoch am Himmel. Nach ungefähr fünfundvierzig Minuten waren wir wieder zuhause. Tya hat sich ein Leckerli geholt und dann beschlossen weiterzuschlafen. Sie liegt jetzt auf dem Teppich neben meinem Bett und schläft tief und fest. Gerade eben habe ich ein Foto gemacht und sie hat es nicht bemerkt. Ich habe den Tag dann mit frisch aufgebackenen Brötchen begonnen und einem heißen Kaffee. Noch vor dem letzten Schluck habe ich überlegt, was…









