2 Starlight-Express Tickets und ein zerrissenes Foto liegen neben einem vollen Müllsack
Isabellas Tagebuch

Meine Wohnung, mein Leben: Ein Aufbruch

29. November 2024

Freitag, 22:30 Uhr, immer noch dasselbe Leben

Heute hab ich früher Feierabend gemacht. Einfach so. Hab um 14:45 den Rechner runtergefahren, „Wochenende schon da“ in den Chat geschrieben und bin gegangen, bevor jemand nachfragen konnte. Frau Meier hat nur die Augenbrauen hochgezogen, aber nichts gesagt. Vielleicht denkt sie, ich hab endlich mal was vor.

Zu Hause angekommen hab ich erst mal den Müll rausgebracht. Den richtigen, den schwarzen Sack, der schon seit Mittwoch stank, und dann den anderen Müll – den aus der Vergangenheit.

Die Starlight Express-Tickets vom letzten Sommer lagen noch in der Schublade neben dem Esstisch. Zwei gelbe Karten, Reihe 12, Mitte. Wir hatten uns so gefreut, weil’s teuer war und Sebastian gesagt hat: „Das machen wir nur einmal im Leben.“ Hab sie angeguckt, die kleinen Knicke in der Ecke, wo ich sie damals nervös in der Handtasche zerknittert hab. Dann hab ich sie mittendurch gerissen und in den Müll geschmissen.

Das Foto daneben. Das eine, wo wir im Biergarten sitzen, Sommer 2024, er mit Sonnenbrille und ich mit dem dummen Grinsen, weil ich dachte, das wär für immer. Hab’s auch zerrissen. Die Hälfte mit seinem Gesicht ist in den Restmüll gewandert, meine in den Papiermüll. Getrennt entsorgt. Passt ja irgendwie.

Und dann seine Strickjacke. Die graue mit den Löchern an den Ellenbogen, die er immer angezogen hat, wenn er abends am Laptop saß und „noch schnell was fertig machen“ wollte. Die roch noch nach ihm. Nach seinem Aftershave und nach dem Waschmittel, das ich immer benutzt hab. Hab sie genommen, zusammengeknüllt und runter zum Altglas-Container getragen. Nicht in den Altkleider-Container – der nimmt ja nur saubere Sachen. In den großen grauen Restmüll-Container nebenan. Deckel zu.

Bin wieder hoch, hab die Tür zugemacht und mich umgeguckt. Die Wohnung ist scheiße. Wirklich scheiße. Die Tapete im Flur wellt sich schon seit zwei Jahren, die Farbe an der Heizung blättert ab, der Boden knarzt, als würde er jeden Moment durchbrechen. Der Küchenschrank quietscht, wenn man ihn aufmacht, und der Kühlschrank summt wie ein alter Traktor. Alles alt. Alles fällt bald auseinander. Genau wie ich.

Hab mich aufs Sofa gesetzt und geheult. Nicht laut, nicht dramatisch. Nur so still vor sich hin. Weil ich plötzlich kapiert hab: Das hier ist jetzt alles meins. Die Löcher in den Wänden, der Fleck auf dem Teppich, die leeren Stellen, wo seine Schuhe standen. Kein Sebastian mehr, der sagt „Das richten wir irgendwann“. Es gibt kein Irgendwann mehr. Nur mich und den Dreck.

Aber weißt du was? Nach dem Heulen hab ich den Besen geholt. Hab einfach angefangen, den Flur zu fegen. Staub, Krümel, ein alter Kaugummi, den er wahrscheinlich reingetreten hat. Alles in den Kehrschaufel. Dann hab ich den Müll noch mal rausgebracht, den frischen.

Bin wieder hochgekommen, hab die Fenster aufgemacht. Kalt war’s, November-Abend in Gelsenkirchen, aber frisch. Hab die Heizung höher gedreht und mir gedacht: Okay. Das ist jetzt meine Bude. Scheiße, ja. Aber meine.

Der Screenshot von der VHS ist immer noch im Handy. Hab ihn mir heute Abend noch mal angeguckt.

Vielleicht geh ich Montag hin. Nicht weil ich plötzlich Karriere machen will. Nicht für Sebastian. Einfach, weil ich keine Lust mehr hab, dass alles auseinanderfällt.

Wochenende. Morgen schlaf ich aus. Übermorgen… mal sehen.

Isabella

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