Zwischen Frühstück und Pivot Tabellen
Ein ganz normaler Tag
27. November 2024
Mittwoch, 21:50 Uhr, immer noch dieselbe Bude
Heute hab ich die neue Jeans angezogen. Nicht weil ich irgendwo hinwollte, sondern einfach, weil sie da lag und mich angeguckt hat wie: „Na los, tu mal was.“ Und weißt du was? Sie sitzt echt nicht schlecht. Hat sogar so ’ne leichte High-Waist-Sache, die den Bauch ein bisschen kaschiert. Im Spiegel hab ich kurz gedacht: Okay, Isabella, du siehst aus wie jemand, der vielleicht mal was vorhat.
Zum Frühstück hab ich mir richtig was gemacht. Kein Toast mit Nutella mehr um 6:45, sondern zwei Eier, bisschen Speck aus dem Tiefkühler und sogar ’ne halbe Tomate, die ich noch gefunden hab. Hab am Küchentisch gesessen, Kaffee getrunken und Radio gehört. Die Moderatorin hat von Frühling gesprochen, als ob der schon da wäre. War er nicht. Aber für fünf Minuten hab ich so getan, als ob.
Im Büro war’s… fast normal. Der Neue, Kevin, hat wieder mal vor Pivot-Tabellen kapituliert. Hat mich angeguckt wie ein Welpe, der nicht weiß, wo die Leine ist. Hab mich dann hingesetzt und ihm gezeigt, wie’s geht. Schritt für Schritt. Er hat’s kapiert. Am Ende hat er gesagt: „Krass, Isabella, du bist ja richtig gut darin.“ Hab nur gelacht und gesagt: „Ja, tolles Talent, oder? Pivot-Tabellen und Heuschnupfen im Winter.“ Aber innerlich war’s komisch warm. Zum ersten Mal seit Wochen hab ich mich nicht komplett nutzlos gefühlt.
Sandra hat in der Kaffeeküche gefragt, wo ich im Sommer Urlaub mache. „Weiß noch nicht“, hab ich gesagt. „Ach komm, du musst doch mal raus! Vielleicht mit Sebastian…“ Hab sie nur angeguckt. „Sebastian ist in London.“ „Oh. Shit. Sorry.“ „Schon okay. Ich fahr jedenfalls nicht nach London.“ Sie hat genickt, als ob sie’s kapiert hätte, und dann schnell das Thema gewechselt. Aber ich hab’s gemerkt: Mitleid. Das klassische „Arme Isabella“-Mitleid.
Nach Feierabend hab ich mir ’ne Pizza geholt. Die mit extra Käse und Peperoni, weil ich dachte: Heute gönn ich mir mal was. Hab sie auf dem Couchtisch gegessen, direkt aus dem Karton, und dabei die VHS-Seite aufgemacht.
Da steht alles. Termine, Preise, sogar so ’ne Online-Anmeldung mit grünem Button. „Jetzt starten!“ Hab mit dem Cursor drübergehalten. Lange. Hab mir vorgestellt, wie ich da reinklicke, Formular ausfülle, vielleicht sogar bezahle. Und dann? Dann sitz ich da mit 27, neben 18-Jährigen, die Abitur machen, weil sie’s versemmelt haben, und ich bin die mit den Falten um die Augen und dem Ex in London.
Hab den Tab zugemacht. Kein Kurs gebucht. Noch nicht.
Aber die Seite ist offen geblieben. Im Browser. Nur so. Als ob sie warten würde.
Ich hab die Pizzaschachtel weggeräumt, die Jeans ausgezogen und mich aufs Bett gelegt. Die durchgelegene Stelle in der Matratze fühlt sich heute nicht ganz so schlimm an. Vielleicht bilde ich mir das ein.
Morgen ist Donnerstag. Noch ein Tag, dann fast Wochenende. Vielleicht ruf ich morgen an. Oder übermorgen. Oder ich lass es einfach.
Aber heute hab ich Eier gebraten und jemandem Pivot-Tabellen erklärt. Und das war gar nicht mal nichts.
Isabella


