regennasse Zweige, s/w
Isabellas Tagebuch

Ein Tag im Leben: Veränderung und innere Kämpfe

25. November 2024

Montag, 22:17 Uhr, immer noch dieselbe Couch vom Sperrmüll

Heute war so ein Tag, bei dem man am liebsten die Augen nicht aufmachen würde, wenn man sie einmal zugemacht hat. Wecker um 5:42, weil ich den um 5:30 ignoriert hab. Dusche kalt, weil Warmwasser erst nach drei Minuten kommt und ich keine Lust hatte zu warten. Kaffee aus der Maschine, die Sebastian immer „unser kleines Luxus-Problem“ genannt hat, obwohl sie nur 60 Euro bei MediaMarkt gekostet hat. Schwarzer Kaffee, bitter, genau wie der Rest.

Im Büro dann das Übliche. Frau Meier hat sofort gemerkt, dass was nicht stimmt. „Isabella, hast du geweint?“ „Nee, nur Allergie.“ „Im November?“ „Baumpollen fangen früh an.“ Sie hat genickt, als würde sie’s mir glauben, aber ihre Augen haben gesagt: „Kind, ich seh doch, dass es dir mies geht.“

Mittagspause hab ich allein im Pausenraum verbracht. WhatsAPP aus, weil ich Angst hatte, dass er schreibt. Oder nicht schreibt. Beides wäre schlimm gewesen. Stattdessen hab ich auf Instagram durch die Stories von Leuten gescrollt, die ich aus der Schule kenne. Alle haben jetzt Kinder, Hochzeiten, Eigenheime oder wenigstens schöne Urlaube. Eine hat ein Foto von sich in so ’nem Yogakurs in Bali gepostet. Caption: „Finding my center 🧘‍♀️✨“ Ich hab mir vorgestellt, wie ich da stehe, in Leggings, die mir in die Ritze schneiden, und versuche, meinen inneren Frieden zu finden, während ich eigentlich nur dran denke, dass Sebastian wahrscheinlich gerade in einem schicken Londoner Coworking-Space sitzt und „disruptive Synergies“ brainstormt oder so ’n Scheiß. Was immer das heißen soll.

Nach Feierabend bin ich nicht direkt nach Hause. Zum ersten Mal seit Monaten bin ich in die Stadt gelaufen. Nicht die City, nein, einfach durch die Bahnhofstraße, vorbei an den ganzen Billigläden und dem Döner, der immer nach Zwiebeln riecht. Hab mir bei New Yorker ’ne schwarze Jeans gekauft. Nicht weil ich sie brauche. Einfach, weil ich irgendwas tun wollte, das sich nach Veränderung anfühlt. Die Jeans liegt jetzt hier neben mir auf dem Sofa, noch mit Etikett dran. Vielleicht zieh ich sie morgen an. Vielleicht auch nicht.

Zu Hause hab ich dann den Briefkasten leer gemacht. Da war ein Flyer von der VHS. „Abitur nachholen – jetzt starten!“ Hab ihn erst wegwerfen wollen. Dann hab ich ihn doch mit hochgenommen und auf den Küchentisch gelegt. Neben das leere Weinglas von gestern.

Ich hab nicht angerufen. Noch nicht. Aber ich hab den Flyer nicht weggeworfen. Das ist doch schon was, oder?

Sebastian hat heute nicht geschrieben. Kein „Bin gut angekommen“, kein „Vermisst du mich schon?“ Nichts.

Und komischerweise tut das weniger weh, als ich dachte. Vielleicht weil ich’s mir schon so oft vorgestellt hab. Oder vielleicht weil ich langsam kapiere, dass das Loch, das er hinterlassen hat, gar nicht so riesig ist. Es ist nur laut. Und dunkel. Und kalt. Aber es ist meins.

Morgen zieh ich die neue Jeans an. Und den Flyer steck ich in die Tasche. Nur so. Zum Anschauen.

Isabella

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