Sanluz de Montarroyo
Die Geschichte
Gestern Abend habe ich wieder an meinem Text gearbeitet, in dem Sanluz de Montarroyo nur eine Idee ist. Es ist komisch, aber genau das hält mich momentan zusammen. Ich habe den alten Romanentwurf komplett gelöscht – alles, was ich in den letzten anderthalb oder zwei Jahren geschrieben hatte. Weg. Ein ganzer Ordner einfach in den Papierkorb gezogen und geleert. Befreiend und gleichzeitig wie ein kleiner Tod. Jetzt fange ich neu an, und diesmal ist es ein Tagebuch. Nicht meins, sondern das von Isabella Hartmann. Sie ist aus Gelsenkirchen, 27 vielleicht, arbeitet in irgendeinem Callcenter oder einer kleinen Buchhaltungsfirma, trinkt zu viel Kaffee und hat gerade jemanden verloren – oder besser: wurde verlassen. Ihre Stimme in meinem Kopf klingt nach Ruhrpott, nach öden Altbauten und nach jemandem, der gelernt hat, Enttäuschungen mit Sarkasmus zu überdecken.
Isabella Hartmann
Sie scrollt stundenlang durch Instagram, entdeckt einen Feed, den sie beinahe wieder vergisst. Doch der Algorithmus erinnert sie daran. Sie folgt dem Content-Creator, einem Spanier in besseren Verhältnissen lebend. Sie antwortet auf einen seiner Beiträge. Zaghaft beginnen sie sich zu schreiben.
Isabella ist klug genug sich keine Hoffnung auf eine Romanze zu machen. Seine anfangs spärlichen Antworten führen sie jedoch hinaus aus der Enge ihres Lebens.
Isabella fährt irgendwann im Sommer einfach los. Kein großer Plan, Züge, Busse, und der Wunsch, mal irgendwo zu sein, wo niemand sie kennt. Sie landet im Alto Aragón, in den Pyrenäen, weit oben, wo die Straßen schmal werden und die Dörfer immer seltener. Dort stößt sie auf Sanluz de Montarroyo. Ein Name, den ich mir ausgedacht habe, aber der sich richtig anfühlt. Ein Dorf, das im 12. Jahrhundert gegründet wurde, als die Christen die Grenze gegen die Mauren gehalten haben. Ein Palacio Rural, Steinhäuser mit Schieferdächern, eine kleine romanische Kirche, deren Glockenturm halb eingestürzt ist, enge Gassen, in denen der Wind immer ein bisschen nach Harz riecht. Jahrhunderte lang haben Menschen dort gelebt, Schafe gehütet, Getreide gemahlen, Kinder großgezogen. Bis in die 1970er Jahre. Dann gingen die Jungen in die Städte, die Alten starben, und irgendwann war niemand mehr da. Die Häuser verfielen, Efeu kroch über die Mauern, der Brunnen trocknete aus. Ein Geisterdorf, irgendwo zwischen Huesca und Jaca, kurz vor der französischen Grenze.
Der Erbe von Sanluz de Montarroyo
Und dann ist da Sergio Menendez Clavero de Encina Alta. Der letzte Erbe. Architekt und Kunsthistoriker. Ein Mann Ende dreißig, still, ernst, mit Händen, die aussehen, als hätten sie schon viel repariert. Sein Leben war bisher woanders – vielleicht in Zaragoza oder Madrid –, aber ein schwerer Schicksalsschlag (ich weiß noch nicht genau, welcher – vielleicht der Tod seines Vaters oder eine Diagnose) zwingt ihn zurück. Er will Sanluz nicht einfach verfallen lassen. Er fängt an, Steine zu stapeln, Dächer zu flicken, den alten Weg wieder freizuschneiden. Allein. Oder fast allein.
Isabella trifft ihn. Vielleicht weil sie einfach neugierig durch die Ruinen streift. Sie reden. Erst holprig, auf Englisch und gebrochenem Spanisch, später auf Deutsch, weil Sergio ein paar Semester in Heidelberg studiert hat und gern mit Followern spricht. Ihre Welten könnten nicht unterschiedlicher sein: sie die Großstadtpflanze ohne Perspektive, er der Mann mit altem Namen und neuer Verantwortung. Und doch entsteht etwas. Keine Romanze. Kein Kribbeln, kein Flirt. Nur eine tiefe, vorsichtige Freundschaft. Zwei Menschen, die sich gegenseitig ansehen und denken: Du bist auch verloren gegangen, oder?
Ich schreibe
Ich schreibe langsam. Manchmal nur drei Sätze am Abend. Aber es fühlt sich richtig an. Als würde Isabella mir Gesellschaft leisten, während ich meinen eigenen Alltag irgendwie ertrage. Vielleicht rettet sie mich ein bisschen. Oder ich rette sie. Wer weiß.
Gute Nacht, altes Notizbuch. Morgen wieder Homeoffice. Aber danach… vielleicht noch ein Stück Sanluz de Montarroyo.