Isabellas Tagebuch

Ein Schritt vor und zwei zurück

Frau Meier, der Friseur und drei kleine Berge

4. Dezember 2024

Mittwoch, 21:15 Uhr, Küche, Licht über dem Tisch an, der Rest dunkel 

Heute war so ein Tag, der sich angefühlt hat wie ein Schritt vorwärts und gleichzeitig zwei zurück. 

Morgens Bus, Straßenbahn, der gleiche Knoblauch-Typ wie gestern – oder ein neuer, wer weiß das schon. Im Büro hab ich Kevin zugesehen, wie er wieder mal mit einer Tabelle kämpft, aber diesmal hat er nicht mal gefragt. Hat einfach geflucht und weitergemacht. Irgendwann war’s wieder okay. Hab ihm nicht geholfen. Fühlte sich fast wie Fortschritt an, dass er’s allein schafft. Oder dass ich’s aushalte, nicht sofort zu springen. 

Sandra hat heute von Weihnachtsmarkt-Plänen geschwärmt. Glühwein, Mandeln, Karussell. „Komm doch mit, Isabella, ist doch lustig!“ Hab „Mal sehen“ gesagt und gedacht: Lustig. Klar. Mit wem denn? Allein zwischen den Buden rumlaufen und so tun, als wär ich nicht die mit dem leeren Platz neben sich? 

Frau Meier hab ich heute nach mehr Infos zum Stipendium gefragt. Nicht in der Kaffeeküche, sondern richtig, an ihrem Schreibtisch. Sie hat mir alles erklärt: Bewerbung bis Ende Januar, Online-Kurse, Prüfungen alle paar Monate, Firma zahlt die Hälfte, wenn ich durchhalte und bleibe. „Du könntest das schaffen, Isabella. Du bist gründlich. Und du hast Köpfchen.“ Köpfchen. Das Wort hat sich angefühlt wie ein Klaps auf die Schulter von jemandem, der’s ernst meint. Hab den Flyer mitgenommen und gesagt: „Ich les mir das durch.“ 

Nach Feierabend bin ich nach Hause gelaufen, obwohl’s kalt war und nieselte. Hab den Weg genommen, der am Nordpark vorbeigeht. Hab nicht reingegangen, nur vorbeigelaufen. Die Bank von Sonntag war nass, aber ich hab trotzdem kurz gestanden und geguckt, wie die Enten im Dunkeln rumwatscheln. 

Zu Hause dann der Moment, wo alles wieder hochkommt. Die Wohnung. Der Mief, der trotz Putzen zurückkommt. Die wellige Tapete, die quietschenden Türen, der Kühlschrank, der klingt, als würde er jeden Moment den Geist aufgeben. Hab mich hingesetzt und gedacht: Ich kann das nicht. Ich kann nicht renovieren, nicht umziehen, nicht mal streichen. Aber dann hab ich den Friseurtermin im Kalender gesehen. Freitag, 14:30. Und den Screenshot von der VHS daneben. Und den Fernhochschul-Flyer. 

Drei Dinge, die warten. 

Drei kleine Berge, die ich noch nicht bestiegen hab. 

Hab mir Tee gemacht (wieder Tee, Kaffee wär zu viel heute Abend). Hab Netflix angemacht, aber nicht das China-Drama. Stattdessen so ’ne Serie über Leute, die ihr Leben umkrempeln. Hab nach zehn Minuten ausgemacht. Zu viel Druck. 

Stattdessen hab ich mich ans Fenster gestellt und rausgeguckt. Lichter in den anderen Wohnungen. Jemand kocht, jemand guckt Fernsehen, jemand streitet. Normale Leben. Und meins ist auch normal. Nur gerade… kaputt. Aber nicht für immer. 

Freitag schneid ich mir die Haare. 
Das ist fix. 
Der Rest… mal sehen. 
Vielleicht frag ich nächsten Montag bei der VHS an, wie der Kurs genau läuft. 
Vielleicht lad ich den Fernhochschul-Antrag runter. 

Vielleicht tu ich erst mal gar nichts. 
Aber heute hab ich Frau Meier gefragt. 
Und das war kein kleiner Schritt. 

Das war ein richtiger. 

Isabella

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